Sichtbarkeit von Transsexualität - Beispieltext

Sichtbarkeit von Transsexualität - Beispieltext

Postby Freeyourgender » Wednesday 14. August 2019, 19:32

Wir müssten einen Begriff finden, der gar keinen Geschlechtsbezug hat auf das Subjekt.
Sondern einen Bezug auf das, was uns fremdbestimmt.
Diese Fremdbestimmung hat eine Reaktion, wir werden zu Aktivisten und wehren uns.
Und dieses "sich wehren" vereint uns.
Dieses TUN müsste in einen Begriff vereint werden.
Mit Sexe Libre Génital-Aktivisten habe ich einen Versuch in diese Richtung gemacht,
alle vereint, dass sie sich unabhängig machen wollen, von der genitalen Fremdbestimmung.


Im August 2019 entstand im Internet ein Artikel, der sich mit behinderten Menschen in Verbindung mit
Transgender auseinandersetzt. Der Artikel hatte dann versucht mit 20 Zeilen zu erklären,
was Transgender ist. Ich versuche mich nicht diese Länge zu halten,
was schwer wird, da ich auch Sprachbarrieren überwinden muss,
da Begriffe mit falschen Inhalten erst mit neuen gefüllt werden müssen.

Ich habe diesen Text in die FYG-Verständniswelt übertragen.
Im ursprünglichen Text mussten dazu homonyme Begriffe mit den entsprechenden Inhalten
des neuen Paradigmas ersetzt werden.

Hierbei wurde folgende Situation berücksichtigt:
1. der Orignaltext enthielt keine Trennung zwischen Transgender und Transsexualität
2. das alte Paradigma, dass ein Genital bzw. Chromosome das biologische Geschlecht allein bestimmen würde,
wude durch nicht näher erklärte Transbegriffe mitgereicht
3. Geschlechterrolle und Geschlechtsidentität wurde zu nahe an Transsexualität formuliert
4. Eine Differenzierung zwischen Begriffen,die sich unter Trans* subsumieren, war nicht vorhanden
5. die Übersetzung enhält eine Abweichung derjenigen Verständniswelt, die von den meisten Regenbogenwebseiten
(Stand Sommer 2019) kolportiert wird, in der das alte Paradigma des biologischen Geschlechts unangetastet bleibt (siehe 3.)
sie ist daher mit diesen Definitionen, die auf diesen Webseiten zu finden sind, nicht kompatibel
6. In der Übersetzung wird auf dein Einfluss des neuronalen Geschlechts hingewiesen,
was auf 95% der Regenbogenwebseiten nicht stattfindet


Warum wird so selten über Transgender mit einer Behinderung geredet? Ich denke, wir sollten das ändern.

In letzter Zeit wird relativ viel über Transgender gesprochen. Leider wird wenig mit ihnen gesprochen, sondern über sie
definiert und über sie Gesetze verabschiedet.
Ich finde, wir sollten über diese vielschichtigen Phänomene der Transgender sprechen, aber nicht diese Menschen als Transgender, Transmenschen oder Transpersonen bezeichnen.

Eine Gruppe an Menschen über eine Eigenschaft zusammenzufassen und dieser Gruppe einen Namen zu geben, führt immer zu einer, sagen wir es etwas härter: Entmenschlichung. Es sind Menschen, keine Transgender oder ähnliches.

Diese Gruppe hat als gemeinsamen Nenner, dass sie mindestens ihr soziales Geschlecht, in vielen Fällen zusätzlich ihr biologisches Geschlecht nicht mit dem
sozialen bzw. auch biologischen Geschlecht vereinbaren kann, dass der Staat ihnen als Bürger zugewiesen hat.

Dass dies fatale Folgen für ihre Biografie hat, dürfte jedem einleuchten. Um diese Menschen nun zu benennen,
die eingangs Transgender genannt wurden, werde ich sie einfach so nennen, wie sie sich selbst nennen würden.

Was bist Du? Müsste dazu die Frage lauten und wir würden verschiedene Antworten bekommen. Ich bin eine Frau. Ich bin ein Mann, ich lehne das dualgeschlechtlich binäre System ab, ich bin... transident. Oder wie auch immer die Aussage ausfallen würde, Du siehst, es ist fast unmöglich, dann eine gemeinsame Definition zu finden.
Auf jeden Fall sind es aber Frauen und Männer, und keine Transirgendwas, auch wenn sie Frauen und Männer sind, die nicht mit dem Genital geboren wurden, dass normalerweise im Sinne der Reproduktion als männlich oder weiblich ausgewiesen wird. Wir müssen hier also genitalunabhängig denken, wollen diese Menschen aber trotzdem Frauen und Männer nennen, das sind sie nämlich in ihrer Selbstaussage, zumindest ein Teil dieser Gruppe. Die anderen wollen wir auch dazu nehmen, wie bereits erwähnt und nennen sie Aktivisten, weil Geschlecht eine politische Kategorie ist, politische Aktivisten, und sie stehen für ihre geschlechtliche Unabhängigkeit von anderen, die ihnen sagen wollen, was sie für ein Geschlecht haben, sie wollen von dieser Bestimmung frei werden, frei sein, selbstbestimmt sein, da ihr Geschlechtswissen aus ihren geschlechtlich-neurologisch angeborenen Prägungen herrührt, nur sie wissen, wer und was sie sind, wenn Du sie fragst. Über das Genital aber, dass nicht denken kann, und nicht sprechen, sollen sie definiert werden.

Deshalb gibt es drei wichtige Wörter: frei, Genital und Geschlecht. Wie auch die drei Wörter liberté égalité fraternité der Französischen Revolution eine politische Agenda in der Kurzform zusammenfassen, so wird eine gute Assoziation zur Revolution gegen die Fremdbestimmung Deines Geschlechts hergestellt, wenn wir für unsere Aktivisten auch einen französischen Leitspruch rufen lassen: "sexe libre génital".

Sexe steht hier für das Geschlecht, hier können sich auch die gemeint fühlen, die nur die Geschlechterrolle wechseln wollen
und keine Bedürfnisse, haben körperliche Veränderungen vorzunehmen. Im deutschen heißt es ja auch Geschlechterrolle und nicht Genderrolle. Geschlecht funktioniert als Begriff also durchaus auch wenn Gender gemeint ist. Für die transsexuellen
Menschen ist dann das biologische Geschlecht mit dem Begriff Geschlecht, also sexe gemeint. Das "libre génital" bedeutet, dass mein Genital frei von Deiner Fremdbestimmung zu bleiben hat, was mein Geschlecht angeht. Mein neuronales Geschlecht führt zu meiner Selbstbestimmung, wenn es um meine Selbstaussage geht, es geht nicht um Reproduktion. Zusammen ergibt sich dann Sexe libre génital Aktivisten. Der Fokus liegt also hier nicht darauf, dieser Gruppe eine Eigenschaft
zuzuweisen, wie bei Transgender, sondern wir weisen dieser Gruppe eine politische Zielrichtung zu.

Sexe libre génital Aktivisten werden in der Begrifflichkeit, wenn sie genannt werden nicht geschlechtlich definiert, was
bei Transgender bereits der Fall ist. Trans*-Begriffe, egal ob biologisch oder nur sozial gemeint, nehmen bereits
wieder Bezug auf das anfänglich bestimmte Geschlecht. Dieses muss aber verworfen werden, es darf nicht einmal ein Bezug
dazu gültig sein. Daher auch kein Transirgendwas.

Es ist zweifellos großartig und wichtig, dass sich Sexe libre génital Aktivisten in den letzten Jahren immer mehr Gehör in der öffentlichen Wahrnehmung verschaffen. Denn die Diskussionen sind leider immer noch zu oft von Unverständnis geprägt. Dabei ist es auch egal, auf welcher Ebene diese Diskussionen geführt werden, ob am Esstisch mit der Familie oder innerhalb der Bundesregierung.

Eine andere Gruppe, die seit einiger Zeit glücklicherweise auch immer präsenter wird, ist die Gruppe von behinderten Menschen. Verbände für behinderte Menschen und behinderte Aktivisten leisten großartige Arbeit, um die Lebensbedingungen von eingeschränkten Menschen zu verbessern. Hier wird, ebenso wie bei den Sexe libre génital Aktivisten, viel diskutiert
und es herrscht oft großes Unverständnis für die betroffenen Personen.

Ein ganz bestimmter Kreis von Menschen wird bei all den Diskussionen gerne übersehen. Das ist sicher keine Absicht, dieser Kreis von Menschen ist wahrscheinlich nicht besonders groß und es muss auch nicht offensichtlich sein, dass eine Person zu diesem Kreis gehört, deshalb ist er leicht zu übersehen. Ich spreche von Sexe libre génital Aktivisten mit einer Behinderung.

Ich denke wir müssen an dieser Stelle einmal ganz kurz erklären, was Sexe libre génital Aktivisten eigentlich wollen.
Sexe libre génital Aktivisten bilden eine Bewegung, die das Bedürfnis formulieren, nicht in der zugewiesenen Geschlechterrolle zu leben, für die sie der Staat eingeteilt hat, per Definition durch das Genital. Ein Teil dieser Gruppe hat zusätzlich ein körperliches Bedürfnis, ihren Körper zu ändern, was die geschlechtliche Aussage dieses Körpers betrifft,
wie immer diese operative Änderung auch individuell aussehen mag.

Die sexuelle Orientierung spielt hierbei keine Rolle und ist kein Teil der Inhalte dieser Bewegung, da sie nichts mit einer Selbstaussage zu tun hat, die sich nur auf ihr Geschlecht bezieht.

An dieser Stelle folgt jetzt mal eine Art Outing, obwohl man es auch durchaus schon erahnen konnte,wenn man mich kennt oder sich die Bilder auf meinem Blog ansieht oder etwas zwischen den Zeilen liest.

Ich identifiziere mich als nicht-binär, was bedeutet, dass ich mich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich identifiziere. Dementsprechend verorte ich mich selbst irgendwo zwischen den Geschlechtern und deswegen fühle ich mich äußerst unwohl, wenn man mich in typische Geschlechterrollen steckt. Diese Tatsache und die Tatsache, dass ich ein Handicap habe, sind untrennbar miteinander verbunden. Beides ist Teil meiner Identität.

Es wird jedoch oft davon ausgegangen, dass diese Dinge keinerlei Beziehung zueinander haben. Dadurch schaffen wir als Gesellschaft oft Ressourcen oder Zugangsmöglichkeiten, die nur selten die Bedürfnisse von Sexe libre génital Aktivisten mit einer Behinderung decken. Ich möchte hier jetzt nicht wieder die Diskussion mit den Toiletten eröffnen, wir wissen ja mittlerweile dank gewissen Politikerinnen das diese Toiletten nur für Männer wären, die nicht wissen, ob sie noch stehend pinkeln dürfen, was auch sonst? Wir müssen unsere Vorstellungen überdenken.

Behinderte Menschen machen ca. 15 Prozent der Weltbevölkerung aus, trotzdem ist das Thema Behinderung in den Bereichen Vielfalt, Mode und Schönheit ein absolutes Tabu und deswegen werden behinderte Menschen dabei einfach vernachlässigt. Das kann man übrigens auch ganz losgelöst von der Sexe libre génital Aktivisten-Thematik betrachten.

Wir müssen an einen Punkt kommen, an dem wir unsere Vorstellungen von Geschlechtern und Körpern klar überdenken. Wir müssen unsere Idee, dass es nur Mann und Frau gibt, dass alle Körper gleich sind und das es nur einen Weg gibt, die eigenen seelischen und körperlichen Bedürfnisse zu erfüllen, über Bord werfen. Wir müssen Raum für Nichtkonformität, für Körper mit vielen Identitäten und vielen, auch Bedürfnissen schaffen, die auch erst einmal nichts mit Identitäten zu tun haben müssen, sondern nur mit ihrem Körper, mit ihrem Aussehen, was sie benötigen, um ihr Geschlecht mit ihrem Körper bestätigt zu wissen. Dies müssen wir in Einrichtungen aller Art und im öffentlichen Raum tun, aber auch im Bewusstsein der Gesellschaft. Es reicht nicht aus, Raum für Sexe libre génital Aktivisten ODER Behinderte ODER Farbige ODER ODER ODER zu schaffen. Diese Art des Denkens trennt Identitäten, die untrennbar sind.

Sind wir als Gesellschaft wirklich an sozialer Gerechtigkeit interessiert, müssen wir diese Art zu denken hinter uns lassen. Denn Behindertengerechtigkeit ist Sexe libre génital Aktivisten-Gerechtigkeit ist Homosexuellen-Gerechtigkeit, Bisexuellengerechtigkeit ist Rassengerechtigkeit ist Gesundheitsgerechtigkeit und so weiter. Wir müssen uns kollektiv damit auseinandersetzen, andernfalls werden wir den Menschen niemals gerecht werden können.

Schlußwort.

Zugegebenermaßen ist das Schreiben dieses Beitrags für mich in mehrfacher Hinsicht äußerst ungewöhnlich gewesen. Einerseits ist dieser Text an manchen Stellen sicherlich auch sehr politisch und das, obwohl ich Politik hier eigentlich immer vermeiden wollte. Ich glaube allerdings, dass man derartige Themen kaum unpolitisch verarbeiten kann, zumindest nicht in unserer jetzigen gesellschaftlichen Situation. Andererseits ist es für mich wie oben bereits erwähnt eine Art Outing, es hat mir allerdings unerwartet gut getan, diese Zeilen zu verfassen. Ich würde es sogar als befreiend bezeichnen.

Ich möchte sicher niemanden meine Weltanschauung aufdrängen, ich möchte lediglich dazu anregen, sich mit den Themen Sexe libre génital Aktivismus im Allgemeinen und Sexe libre génital Aktivisten mit Handicap im Besonderen auseinanderzusetzen. Wie oben bereits erwähnt, bin ich der Meinung, dass gerade bei diesem Themengebiet viel Unverständnis aufgrund mangelnder Aufklärung herrscht. Nur in dem man aufklärt, kann man dieses Unverständnis in Verständnis verwandeln und nur, wenn wir verstehen, können wir die Situation für alle verbessern. Ja, Geschlecht ist eine politische Kategorie, und deshalb ist dieser Text politisch geworden.

Ich habe im Text noch den Begriff "Behinderte" verwendet, es ist aber unvorteilhaft, da es Menschen über eine Eigenschaft zusammenfasst, wir sollten uns überlegen, wie wir unsere Gruppe bezeichnen, die Sexe libre génital Aktivisten haben sich auch aus dieser, wiederum fremdbestimmenden Begrifflichkeit befreit, indem sie nicht auf eine Eigenschaft zeigen lassen, sondern auf ihr Tun.
Denn Menschen über Eigenschaften zusammenfassen hat rassistische Konsequenzen im Denken.


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