„Mein Freund Harvey“

„Mein Freund Harvey“

Postby NikiLE » Sunday 15. April 2018, 11:23

Das ist ein Hollywood-Klassiker: James Stewart spielt einen Mann, der eine Shizophrenie hat, einen Wahnsinn: er wird ständig von einem 2 m großen, aufrecht gehenden weisen Hasen begleitet, der sprechen kann und sehr klug ist. Er heißt Harvey und ist unsichtbar. Nur für ein Portrait mit seinem menschlichen Freund hat er sich mal für ein paar Tage sichtbar gemacht. Das Bild bekommt man ab und zu im Film zu sehen – ein geschickter dramaturgischer Kunstgriff. Natürlich kümmern sich die Ärzte, die Psychiater und Psychologen um Jimmy Stewart und seine Shizophrenie – und seine Familie verzweifelt regelrecht. Weil: „Harvey“ ist nicht wegzukriegen. Aber: Jimmy geht es verdammt gut mit Harvey – seine Geschäfte florieren, er versöhnt sich mit seiner Familie, am Ende gibt es sogar die obligate Hollywood-Romanze, das happy-end: es findet sich auch so eine Filmschönheit, die „Harvey“ akzeptiert und sich auf eine Dreierbeziehung mit Jimmy und einem unsichtbaren, 2 m großen weisen Hasen einlässt. Es war halt doch nicht alles schlecht am klassischen Hollywood !

Auch Jimmy Stewart, der lange, dünne, schlacksige und immer leicht melancholische Darsteller des „guten, aufrechten Amerikaners“ war nicht schlecht – denn er war es, was er spielte: ein guter, aufrechter Amerikaner. Im II. Weltkrieg meldete sich der damals schon oscargekrönte Stewart zur Luftwaffe, wurde Bomberpilot, flog freiwillig weit mehr als die üblichen 25 Kampfeinsätze über Deutschland. Danach wurde man abgelöst, weil die Verlustquote war enorm hoch 5-10% aller Bomber wurden abgeschossen. Daß sich Jimmy Stewart nicht drückte, was ihm leicht möglich gewesen wäre, sondern als „aufrechter Amerikaner“ mit seinen Landsleuten durch die Hölle des Krieges ging, hat ihm große Achtung und Sympathie eingebracht. Seiner Luftwaffe blieb er auch lebenslang verbunden, schied erst in den 70ern im Rang eines Brigardegenerals der Reserve entgültig aus. Ich glaube, er war der einzige bekanntere Schauspieler, der „wirklich“ auch General gewesen war.

Der Film ist mir eingefallen, als ich nach einem Pseudonym für meinen besten Freund suchte – ich werde ihn also „Harvey“ nennen.

Harvey ist drei Jahre jünger als ich – im Januar ist er 50 geworden. 2014 haben wir uns bei GR kennengelernt – Harvey ist, wie jeder anständige Mensch, bisexuell. Und er ist: Transmann, ohne gaOP, nur Testeron „nimmt“ er. Es wird gespritzt. Er wirkt ausgesprochen viril, kleidet sich sehr geschickt. Nur wer wirklich ganz genau und länger hinguckt, sensibilisiert ist, erkennt, daß er trans ist. Sexuell hat es nicht gepasst zwischen uns – aber wir sind Freunde geworden, von jetzt auf gleich und zwar verdammt gute Freunde. Von Anfang an haben wir begonnen, uns gegenseitig zu helfen.

Harvey ist Bauingenieur, war Geschäftsführer und Minderheitsgesellschafter an einer kleinen Tiefbaufirma. Die Transition hat er als Geschäftsführer hingelegt – dafür zolle ich ihm riesigen Respekt. Alle wissen es, daß er trans ist: die Angestellten, die Branche, die Auftraggeber, Geschäftspartner, Ingenieurbüros. Auch in der kleinen Stadt, in der er lebt, wissen es alle – er geht damit auch sehr offen um. Und kurz nach unserem ersten Treffen bekam er – mal wieder – Stress mit dem Altgesellschafter. Da konnte ich ihm ein paar fiese Tips geben: ich war Wirtschaftsanwalt, hatte öfters mit „Streit unter Gesellschaftern“ zu tun, kenne auch seine Branche sehr gut. Wir haben also nicht nur ein Thema Nr. 1 sondern gleich zwei davon. Heute gehört ihm die Firma alleine und noch eine hat er dazu gekauft.

Harvey hat mir meine Wohnung in Leipzig besorgt – such mal in einer Boomtown wie Leipzig ne Wohnung, wenn Du arm bist, ein Insolvenzverfahren hinter Dir hast, zig psychopathologische Diagnosen und man Dir den Verrückten auch 10 Meilen gegen den Wind ansieht. Unter Harveys Flagge wurden die Makler auf einmal sehr interessiert an mir als Mieter. Wir helfen uns gegenseitig – auch wenn wir uns oft monatelang nicht sehen, nur ab und zu über whatsapp ein paar Zeilen schreiben: wenn wir uns brauchen, lassen wir alles stehen und liegen und sind füreinander da.

Gestern haben wir uns in Leipzig getroffen. Harveys Freundin, eine erfolgreiche Innenarchitektin, hat dort ne Zweitwohnung. Harvey kam zu mir an den See, er mag die Großstadt nicht und seine kleine Hündin mag sie auch nicht. Er hat mir ein neues laptop mitgebracht – in der Firma war es letztes Jahr angeschafft, aber nur kurz benutzt worden, lag nur rum. Er hat es mir geschenkt, damit ich endlich mal wieder n ordentlichen „Compi“ habe. Zwei Stunden saßen wir noch am See – ich nackt wie immer, Harvey angezogen. Erst sprachen wir wieder über gewisse Problemchen, dann sprachen wir über uns, unser Leben mit der transgenderei. „Wir Transen mal wieder!“ Von Harvey habe ich das zum ersten Mal gehört, daß sich ein transgender selbst „Transe“ nannte – was ja viele als furchtbare Diskriminierung ansehen wollen. Harvey ist alles andere als ne „Transe aus’m Pornofilm“ – er ist ein konservativer Mensch, Bauunternehmer halt. Das Sein bestimmt das Bewußtsein … aber er ist ne Transe wie wir. „Thieves like us“ (dt: „Diebe wie wir“) ist einer der schönsten Robert-Altman-Filme.

Dieser Text ist der erste, den ich wieder mit einer Word-Vollversion schreibe – das laptop kenne ich noch garnicht. Es gibt keine Anleitung – die muß ich mir im Netz suchen. „Asus“ steht drauf, aber es ist „was gutes“, das merkt man sofort.

Mein Freund Harvey: als ich 2015 die letzte schwere Psychose hatte, lies er alles stehen und liegen, humpelte auf Krücken ins Auto – er war gerade am Knie operiert worden – und kam zu mir, um mir zu helfen. Ich hätte heulen können, krieg jetzt noch feuchte Augen, wenn ich an ihn denke. Als er 50 wurde, lud er mich ein, bezahlte mir für 2 Nächte ein Hotelzimmer und bei der Feier am Abend in so ner „Edelschnitzelranch“ saß rechts von ihm seine Freundin, ich bekam den Ehrenplatz zu seiner Linken. Auch das hat mich unglaublich gerührt: daß so ein mainstream-Erfolgstyp wie Harvey sich zu so ner durchgeknallten Transe wie mir bekennt.

Gestern saßen wir also am See, am Nachmittag. Seine kleine Hündin raste zwischen dem Wasser und uns hin und her, zerkratzte mir mal wieder die Beine, es war frühsommerlich warm, das Grün wagt sich aus den Knospen - ein schöner Tag. Wir kamen mal wieder auf diese binäre Mann-Frau-Geschichte.

„Eigenlich bin ich keine „sie“ und kein „er“ – eigentlich bin ich ein „es“!“ hat Harvey am Ende gesagt. Den Text von Freud muß ich ihm heute noch schicken, den ich auch hier gepostet habe: es gibt keine 100% Männer, auch keine 100% Frauen (ausser den Transfrauen von Travesta natürlich, die sind sogar 150% Frau !) – wir sind alle Zwischenwesen und „Transen wie wir“, die es wissen, wissen müssen, daß sie sind, was sie sind - sind deswegen normaler und natürlicher, als all die ganzen Irren da draussen, die sich für Männer und Frauen halten.
NikiLE
 
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