Genderpsychoanalyse - "Kein Leid - ohne Freud!"

Genderpsychoanalyse - "Kein Leid - ohne Freud!"

Postby NikiLE » Tuesday 20. March 2018, 13:41

Ich will hier versuchen, meine eigene Sicht auf die "sexuelle Identität", auf "gender" darzulegen. Diese Sicht ist psychoanalytisch. Als ich 2010/11 körperlich und psychisch völlig zusammenbrach, traten auch schwere psychische Störungen auf, die nicht behandelt werden konnten, weil ich zunächst eine enorm belastende "chirurgische Sanierung" eines sehr schweren Befalls von Akne inversa über mich hatte ergehen lassen müssen. 2012 habe ich fast vollständig in Kliniken verbracht, bin 20 x in Vollnarkose operiert worden, zuletzt im nochmal im Dezember 2013. Weil mir die psychischen Störungen jedoch keine Ruhe liesen und ich Anlaß zur Annahme hatte, daß es verdrängte Traumata geben könne, habe ich angefangen mich in die Psychoanalyse einzulesen und im Spätsommer 2012 den tollkühnen Versuch einer Selbstanalyse begonnen. Das hat gefunzt - was mich selbst am meisten gewundert hat. Im März 2013 habe ich tatsächlich die ersten Traumata wiedererlebt, 2017 wurde die Analyse durch meinen heutigen Therapeuten (PD Dr. Seikowski, Uni-Klinik Leipzig) zuende gebracht. Auch das ging recht zackig - ich konnte ja aktiv mitarbeiten, habe mich seit 2011 beständig psychoanalytisch fortgebildet - autodidaktisch, mit gelegentlichen Fingerzeigen meines Therapeuten. Ich bin selbst zum Psychoanalytiker geworden - das verändert die Persönlichkeit, die Sicht auf die Welt.

Auch meine eigene "transgenderei" ist ein Produkt meiner Selbstanalyse. Ich habe nicht irgend ein "trans-typisches" Bedürfnis verspürt, wie Frauenkleider tragen oder mich weiblich zu bewegen - sondern habe psychoanalytisch, rein kognitiv-rational agnostizieren müssen: Ich bin kein Mann, auch keine Frau - sondern: ein Kind, das niemals erwachsen geworden ist, folglich auch kein Mann, keine Frau sein kann. Seither arbeite ich daran, dieses "Dritte Geschlecht" ins Leben zu führen und das hat mich auch hierher gespült, zum "Strandgut" bei FYG werden lassen, Jasmins "weltoffenem Schreibtisch", wo ich zu ihren Papieren auch ein paar von meinen Papieren dazulegen und herumliegen lassen will. Vielleicht nutzt es irgendjemand was - mir hilft es, meine Gedanken zu ordnen. Ich bin zwar Psychoanalytiker (und als Analytiker wirklich ziemlich männlich wegen meiner bewußten Identifikation mit meinem "Adoptivvater" Sigmund Freud) - aber ich bin Autodidakt, Dilletant. Mir fehlt das systematische Studium, die reguläre Ausbildung - beides vermisse ich schmerzlich, aber kann sie leider nicht mehr nachholen, muß meine Gedanken selbst ordnen.

Dabei hilft das Schreiben, besonders, wenn man nicht nur tagebuchartig für sich selbst schreibt, sondern es einen Adressaten gibt, den man für das Thema als kompetent erachtet und zu dessen Wohlgesonnenheit man Vertrauen hat. Und dieser Adressat ist eben: Jasmin für mich, meine zärtlich geliebte große Schwester, wie ich sie gerne seit ein paar Tagen nenne.

Jasmin hat sich dem Gehirngeschlecht verschrieben, einem seit einiger Zeit vertretenem endokrinologischen Erklärungsmodell für die Genese der Transgenderei, deren Kernthese wohl darin besteht, daß bestimmte hormonelle Veränderungen im Körper der Mutter während der Schwangerschaft dazu führen sollen, daß sich typisch männliche oder weibliche Gehirnstrukturen ausbilden, die den bereits angelegten typisch männlichen oder weiblichen Urogenitalstrukturen entgegengesetzt sind.

Dieses Modell ist mir nicht geläufig - von Endokrinologie im besonderen und biologischer Antropologie im allgemeinen verstehe ich nichts, kann mir dazu kein Urteil erlauben.

Aber in einem hochwichtigen Punkt stimmen die Psychoanalyse und das Gehirngeschlecht überein: das "gender" eines Menschen finden man nicht in seinem Urogenitalapparat, sondern im Gehirn. Nur die Frage, wie es dort hineinkommt, wird von der Psychoanalyse fundamental anders beantwortet.

Für die Psychoanalyse nämlich entstehen die "gender" von Mann und Frau dadurch, daß das Kind den konkreten "Sexualcharakter" eines erwachsenen Menschen übernimmt, genauer gesagt, ein verfremdetes Wahrnehmungsbild dieses Sexualcharakters in einem unbewußt ablaufenden Prozess in sich aufnimmt, der so zum integralen Teil seiner psychischen Organisation wird. Dies tut das Kind, um bestimmte, hochtraumatische, unerträglich schreckliche Ereignisse in der Beziehung zu diesem Erwachsenen verarbeiten zu können. Weil diese Ereignisse unerträglich sind, werden auch sie verdrängt, ins Unbewußte verschoben - sie können aber durch Psychoanalyse (oder Hypnose) von dort wieder hervorgeholt werden, wie es bei mir und Millionen anderer Analysepatienten geschehen ist.

Ein transgender entsteht also für die Psychoanalyse durch Traumatisierung - eine sehr unschöne, unbequeme Vorstellung, die mit Verbrechen, Schuld und Sühne, psychischen Störungen kononotiert ist und die man darum insbesondere in emanzipatorischen LGBT-Kreisen überhaupt nicht mag. Eine Transfrau, die ich vor 1 Jahr nur ein einziges Mal traf, erzählte mir hocherfreut, sie hätte gerade die Ergebnisse der Genetik bekommen, hätte eine "X-Chromosomen-Intersexualität" und wäre ja so froh: "Ich bin nicht verrückt!" Das hat bei mir als "Verrücktem" doch einen gewissen Stich hinterlassen gehabt. Keine 2 h später erzählte mir diese Frau von den Motiven ihrer Zeichnungen, die für mich als Analytiker keinen Zweifel mehr an ihrem Trauma liesen. Sie präsentierte es mir wie auf einem silbernem Tablett.

Die Psychoanalyse wird aber auch von den "Stinknormalen" überhaupt nicht so gemocht, weil nämlich nicht nur die transgender, sondern auch die cisgender ihr gender einer Traumatisierung verdanken - der homo sapiens sapiens ist konstitutionell ein Neurotiker, nur eben ein hoch Leistungsfähiger, der ungeheure Kulturen errichten, aber auch immer wieder zusammenschlagen kann - eben weil er ein Neurotiker ist, schlägt er oftmals auch weitaus mehr zusammen, als er errichtet hat. Seine Leistungsfähigkeit scheint mehr destruktiv als konstruktiv zu sein und den Kulturfortschritt des Menschen kann man auch am Effizenzgrad seiner Massenmorde ablesen: Antike und Mittelalter blieben auf dem Handwerksniveau von wilden Tieren, Kreuzen und Scheiterhaufen, während wir in der Neuzeit den atemberaubenden Siegeszug der Technik von der Guillotine über die Gaskammern bis zur Atombombe beobachten durften.

Gerade die "abweichenden Sexualitäten" wollen unbedingt als "gesunde und natürliche Sexualentwicklung" anerkannt werden, weil sie die allgemeingesellschaftliche Wertung der "Stinknormalen": des heterosexuellen mainstreams übernehmen, daß die Sexualität des mainstreams eine "gesunde und natürliche" sei. Für die Psychoanalyse jedoch gibt es keine natürliche Sexualentwicklung beim "Kulturmenschen" - die Psychoanalyse ist kulturpessimistisch.

Sie zeigt aber auch auf, daß wir Einzelne als Individuen, vielleicht auch mit anderen Individuen gemeinsam es bewerkstelligen können, aus dem gesellschaftlichen Teufelskreis der Gewalt von Menschen gegen Menschen auszusteigen und eine echte Chance haben zum "pursuit of happyness", die wir nutzen sollten. Ich glaube, das emanzipatorische Potential der Psychoanalyse wird bis heute weit unterschätzt.

Mein ursprüngliches Vorhaben, diese traumatologische Pathogenese der gender in einem einzigen Text dazustellen, habe ich aufgegeben - es wäre ein Text wie eine Presswurst geworden: vollgestopft, knüppelhart, kaum genießbar und schwer verdaulich. Ich will es statt dessen mit einer Folge von einzelnen Texten versuchen, was auch den Vorteil hat, daß Jasmin und andere sich dazwischenschalten können, vielleicht ein konstruktiver Dialog daraus wird.
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Mann und Frau - cisgender

Postby NikiLE » Wednesday 21. March 2018, 17:50

Was ist Mann, was ist Frau, was ist "Geschlecht" ? Gemeinhin beantwortet man diese Fragen biologisch, orientiert sich am Genital, das regelmässig spätestens bei der Geburt deutlich erkennbar ist. Aus einem Penis schließt man auf männliches, aus einer Vagina - eigentlich bei der Geburt ja nur: dem Nichtvorhandenssein eines Penis - auf weibliches Geschlecht. Männlich und weiblich verbindet man noch mit weiteren Merkmalen, wieder zuförderst biologischen Eigenschaften: Organen, die männliche Samen und weibliche Eizellen produzieren, bei der Frau zusätzlich ein Apparat, der eine befruchteten Eizelle aufnimmt und versorgt, dem heranwachsenden Embryo Raum gibt und ihn schließlich zur Welt bringt, ihn auch dann noch für einige Zeit ernährt - die Milchdrüsen in den Brüsten. Sekundäre Merkmale körperliche Merkmale schließen sich an: "geschlechtsspezifische" Unterschiede in Skelettbau, Muskulatur, Fettgewebeanteil, Behaarung usw bis hin zu psychischen und psychosozialen Eigenschaften, die sich sämtlich aus einer unterschiedlichen biologischen Natur ergeben sollen und sich im Laufe der Kindheit und Jugend nach einem von Anfang an vorhandenen inneren Bauplan entwickeln, was durch eine angemessene Erziehung und Sozialisation gefördert, durch .ungemessene Behandlung gehemmt werden könne. Die Sexualität wird ebenfalls biologisch gesehen: sie soll erst mit der vollen Entwicklung der Keimdrüsen, der "Geschlechtsreife" in der Pubertät entstehen - zuvor seien Kinder assexuell.

Die Psychoanalyse sieht diese Prozesse sehr anders. Sie erkennt den anatomischen Unterschied natürlich an, der sich bei Knaben und Mädchen in den ersten Lebensjahren "mit unbewehrtem Auge" eigentlich nur am Genital ablesen läßt - aber sie weist auch darauf hin, daß sich die übrige Anatomie und das Verhalten der Kinder kaum unterscheidet, sofern die Kinder nicht durch eine sehr früh einsetzende geschlechtsspezifische Erziehung in die eine oder andere Richtung gedrängt werden. Im Spiel miteinander nehmen die Kinder Rollen beider Geschlechter ein, aber auch die von Tieren, Fabel- und Phantasiewesen, Robotern usw. Sie identifizieren sich mitunter über längere Phasen mit diesen Rollen, legen sie wieder ab, nehmen heute diese, morgen jene Rolle an wie Schauspieler beim "method acting".

Für die Psychoanalyse beginnt auch die Sexualität des Menschen nicht erst in der Pubertät, sondern spätestens mit dem Saugen an der Mutterbrust "oder deren Surrogaten" (Freud) - die Mutter-Kind-Beziehung wird als erste und innigste sexuelle Beziehung interpretiert, die jedoch, was paradox klingen mag, nicht geschlechtsspezifisch ist. Auch nach Ablösung von dieser engen, sexuellen Beziehung zur Mutter leben Kinder eine spezfische infantile Sexualität, die Freud "omnipotent ambisexuell" und "polymorph pervers" nannte. Er spricht jedem Kind die Anlagen zu allen Sexualitäten zu, wie man sie später in der Welt der Erwachsenen wiederfindet. Insbesondere ist diese Sexualität nicht auf die Vereinigung der Genitalien - Penis und Vagina - konzentriert sondern findet vielfältige andere Wege, was psychoanalytisch auch der einzige Sinn des Ausdrucks "pervers" ist: eine Sexualität, die von diesem biologischen Ziel abweicht. Kinder sind insbesondere exhibitionistisch, spielen lustvoll mit ihren Extrementen, zeigen auch sadomasochistische Regungen und sind bei alldem auch recht promiskuitiv. Die Gentialmasturbation scheint die letzte Sexualität zu sein, deren Entdeckung und Erschließung die "ödipal-genital" genannte letzte Phase der Kindheit einleitet, die ihrerseits damit endet, daß das Kind ein starkes, sexuelles Begehren auf einen Elter richtet - im Normalfall: den gegengeschlechtlichen Elter. Das Kind ist dann zumeist 5-6 Jahre alt, schon weit entwickelt, beherrscht bereits viele Kulturtechniken, einen zunehmenden Wortschatz, viele können schon lesen und schreiben. Es fühlt sich durchaus reif, den gleichgeschlechtlichen Elter zu verdrängen, dessen Platz einzunehmen und auszufüllen.

Warum der Knabe sein Begehren auf die Mutter richtet, ist nach dem vorigen unmittelbar verständlich: die Mutter war schließlich schon einmal seine Partnerin in einer innigen sexuellen Beziehung gewesen - der Vater ist jedoch (in etwas greller Formulierung) auch für das Mädchen grundsätzlich nur ein Fremder, der irgendwann einmal aufgetaucht ist, zwar freundlich und "nett", aber eben nicht die Mutter. Wegen dieses Primats der Mutter-Kind-Beziehung ist auch die genetische Abstammung psychoanalytisch gesehen vernachlässigbar: Mutter ist, wer für das Kind in seiner allerersten Lebensphase ständig präsent war, es ernährte und pflegte, Vater ist, wer zur Zeit des Ödipus-Konfliktes zur Mutter in einer gegenüber dem Kind privilegierten Beziehung steht. Auf die Fragen der genetischen Abstammung oder das Geschlecht der Eltern kommt es psychoanalytisch überhaupt nicht an. Auch ein Mann kann "Mutterer", eine Frau "Väterin" sein - letzteres kommt heute mit gewisser Regelmässigkeit bei lesbischen Paaren vor.

Freud nahm an, daß das Mädchen sich dem Vater zuwende, weil es bereits unter dem Penisneid leide, der Mutter vorwerfe, etwas falsch gemacht zu haben, daran schuld zu sein, daß sie keinen Penis habe. Ich selbst glaube eher, daß das Mädchen schlicht dem von den Eltern vorgelebten kulturellen Muster des heterosexuellen Paares folgt, das es auch schon in "Mama und Papa" - Spielen nachvollzogen hat. Wesentlich scheint mir lediglich zu sein, daß die ödipale Zuwendung des Knaben zur Mutter deutlich größer sein wird, als die des Mädchens zum Vater. Deswegen erscheinen die Folgen des normal durchlaufenen Ödipuskomplexes für den Knaben in jeder Hinsicht stärker und verschärfter, als für das Mädchen.

Beide erleben jedoch jetzt den gleichgeschlechtlichen Elter als Konkurrenten, entwickeln Eifersucht auf ihn, wollen ihn verdrängen, beseitigen, manchmal sogar töten. Auch hier zeigt sich ein Unterschied: die Aversion des Knaben gegenüber dem "fremden" Vater ist größer, als die des Mädchens gegenüber der Mutter, der ehemaligen Beziehungspartnerin, von der es so innig geliebt, ernährt und umsorgt worden war.

Beide erleben jedoch normalerweise eine herbe Enttäuschung: sie werden mit ihrem Begehren zurückgewiesen, der gleichgeschlechtliche Elter obsiegt und wird damit psychoanalytisch zum "Aggressor", obschon er im landläufigen Sinne nicht die geringste Aggression gegenüber dem Kind entfaltet hatte. Diesem Aggressor und dessen "elterlicher Gewalt" bleibt das Kind jedoch ausgeliefert. Es muß die Beziehung zu ihm erhalten, um zu überleben, nicht anders als eine Geisel gegenüber dem Entführer und der Mechanismus, der dem Kind es ermöglicht, diesen Widerspruch aufzulösen, ist derselbe, den sich auch bei den erwachsenen Entführungsopfern, Insassen von Gefängnissen, Konzentrationslagern, Kasernen und ähnlichen Einrichtungen nachweisen lässt: das Kind identifiziert sich mit dem Aggressor, spaltet das Negative ab und nimmt es in sich hinein, damit der Aggressor wieder positiv wahrgenommen, die Beziehung aufrecht erhalten bleiben kann. Aus diesem "Introjekt" des gleichgeschlechtlichen Elters erwächst sodann der Kern oder das Gerüst des "Über-Ich" oder "Ich-Ideal", das in der Folge durch Erziehung und Sozialisation "aufgefüllt" wird. Dieses Introjekt ist also konstruktiv, wird zum tragenden Stützpfeiler der Persönlichkeit des erwachsenen Menschen.

Dieses "Über-Ich" enthält insbesondere auch den "Sexualcharakter" des gleichgeschlechtlichen Elters, denn dessen Eigenschaft als Beziehungspartner des ursprünglich begehrten gegengeschlechtlichen Elters ist es ja gerade, die jenen zum unerträglichen Aggressor gemacht hat. Und damit - und nicht erst mit der Pubertät - wird der Knabe zum jungen Mann, das Mädchen zur jungen Frau.
Und wieder macht sich der Unterschied in diesem Beziehungsdreieck bemerkbar: der Knabe leidet viel härter unter der Zurückweisung, wo er doch aufgrund der vorangegangenen Beziehung zur Mutter viel eher auf deren erneute Hingabe hoffen konnte, das Obsiegen des fremden Vaters trifft ihn ebenfalls härter. Das Mädchen hingegen wird insofern etwas geschont - ihr Begehren auf den Vater war von vorneherein schwächer, das Bild von der Mutter als Aggressor wird durch die Erinnerung an die so schöne frühere Beziehung abgemildert.
Das "Vater-Introjekt", aus dem das Über-Ich erwächst, ist also beim Knaben viel wuchtiger, massiver, dringt tiefer in sein Ich ein, macht sich breiter, als das "Mutter-Introjekt" beim Mädchen.

"Man zögert es auszusprechen, kann sich aber doch der Idee nicht erwehren, daß das Niveau des sittlich Normalen für das Weib ein anderes wird. Das Über-Ich wird niemals so unerbittlich, so unpersönlich, so unabhängig von seinen affektiven Ursprüngen, wie wir es vom Manne fordern. Charakterzüge, die die Kritik seit jeher dem Weibe vorgehalten hat, daß es weniger Rechtsgefühl zeigt als der Mann, weniger Neigung zur Unterwerfung unter die großen Notwendigkeiten des Lebens, sich öfter in seinen Entscheidungen von zärtlichen und feindseligen Gefühlen leiten läßt, fänden in der oben abgeleiteten Modifikation der Über-Ichbildung eine ausreichende Begründung. Durch den Widerspruch der Feministen, die uns eine völlige Gleichstellung und Gleichschätzung der Geschlechter aufdrängen wollen, wird man sich in solchen Urteilen nicht beirren lassen, wohl aber bereitwillig zugestehen, daß auch die Mehrzahl der Männer weit hinter dem männlichen Ideal zurückbleibt und daß alle menschlichen Individuen infolge ihrer bisexuellen Anlage und der gekreuzten Vererbung männliche und weibliche Charaktere in sich vereinigen, so daß die reine Männlichkeit und Weiblichkeit theoretische Konstruktionen bleiben mit ungesichertem Inhalt." (S. Freud: Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes, 1925)

Das Über-Ich stellt eben nicht nur unseren "Sexualcharakter" dar, sondern ist auch der Sitz von Gewissen, Moralität und Pflichtempfinden mit der allerersten "Ur-Norm" der aus dem Ödipus-Komplex erwachsenden Inzestschranke. Das männliche Über-Ich nach dem Vater ist wuchtig, klotzig, zackig, "unerbittlich" - das weibliche Über-Ich nach der Mutter dagegen bescheidener, flexibeler, lässt gerne auch mal fünfe gerade sein, ist duldsamer gegenüber den Trieben der Liebe und der Aggression.

Und das ist m. E. der Punkt, an dem sich Mann und Frau tiefenpsychologisch unterscheiden: in der unterschiedlichen Wertigkeit dieses Über-Ichs gegenüber den anderen innerpsychischen Instanzen: dem "Ich" und dem "Es". Das "Es" ist der Sitz der Triebe: Libido und Aggression in ihren jeweiligen "Triebschicksalen". Das "Ich" ist zunächst der Sitz des Bewußtseins mit seinen kognitiven Fähigkeiten, dessen Hauptfunktion darin besteht, den Verkehr mit der Aussenwelt zu steuern wie auch die häufigen innerpsychischen Konflikte zwischen "Über-Ich" und "Es" zu moderieren.

Ich kann unmöglich diesen grundsätzlichen Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Psyche hier bis in alle Einzelheiten der psychischen Funktion ausbreiten und verfolgen, schon weil ich alldies bislang nur zu einem sehr kleinen Teil überblicke - wenn überhaupt. Ich versteige mich lieber zu einer Karikatur:

Das "unpersönliche" und "unerbittliche" Über-Ich prädestiniert den Mann zum Idealisten und Prinzipienreiter - sein Leitbild ist seine Pflicht, sein Ethos, welchen sich der Mann bereitwillig unterwirft bis zur Selbstaufopferung des Helden. Er geht grundätzlich mit dem Kopf durch die Wand - die Frau dagegen ist bestrebt, die Wand zu umgehen, "strategisch" zu handeln. Ihr Verhältnis zur Moralität ist entspannter - weitaus wichtiger als die Übereinstimmung mit abstrakten Werten ist ihr die Anerkennung durch ihre konkrete Umwelt. Während der Kopf des Mannes in philosophischen Wolken schwebt, lebt die Frau im hier und jetzt. Der Mann sieht sich in der Verantwortung vor der Geschichte, die Frau sich in den Augen der Menschen um sich herum. Die männliche Art der Fortbewegung ist der Stechschritt des erzgeschienten Soldaten - auf der anderen Seite sehen wir die schlangenhaft lasziven Bewegungen der Tänzerin, die sich weitaus eher für ihre Lust aufopfert, als für irgendeine abstrakte Pflicht, die doch nie wirklich die Ihrige ist.
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Warum wissen wir nichts davon ?

Postby NikiLE » Friday 23. March 2018, 12:48

Kaum habe ich skizziert, wie die cisgender zustande kommen, schon muß ich wieder einen Einschub machen - er drängt sich auf. Denn auch die geneigte Leserin wird sich nach dieser Vorstellung des Ödipus-Komplexes versucht haben, an ihre Kindheit zu erinnern: "ob da sowas war" - und im Regelfall wird sie nichts gefunden haben. Ödipus-Komplex, ja, das ist, wenn Junge auf Ältere stehen oder umgekehrt und irgendwie "krank" aber man selbst ist ja gottlob "ganz normal" und hatte eine ganz normale, schöne, glückliche Kindheit ...
Wenn das doch so ist, daß wir alle einen Ödipus-Konflikt erlebt haben sollen, was ja immerhin Sigmund Freud und mit ihm auch die heutige Psychoanalyse behauptet - wieso wissen wir dann nichts davon, können uns an nichts mehr erinnern ?

Wir unterliegen der "Amnesie der Kindheit" (Freud), erinnern uns an nichts, weil der Ödipus-Konflikt ein schreckliches Trauma ist, so schrecklich, daß es vollkommen verdrängt wird und die Erinnerung an die gesamte infantile Sexualität gleich mit in den Orkus zieht. Es ist für die wohl allermeisten Menschen, die von Krieg, Katastrophen, Unglück, Gewalt und Krankheit im späteren Leben verschont geblieben sind, das Schrecklichste, das sie je erlebt haben ein Trauma eben.

Ein Trauma - gr.: "Schlag" - ist ein Erleben, ein Reiz, der so stark ist, daß er von unserem Bewußtsein nicht mehr verarbeitet werden kann. Deswegen gibt es in unserer Psyche ein System von "Abwehrmechanismen", die solche überstarken Reize von dem Bewußtsein fernhalten und ins Unbewußte verschieben, einem Teil unserer Psyche, der dem direkten Zugriff des Bewußtseins verschlossen ist. Das kann auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen geschehen - Anna Freud hat in "Das Ich und die Abwehrmechanismen" etwa 10 dieser Mechanismen katalogisiert und vorgestellt. Der bekannteste Abwehrmechanismus ist die Verdrängung, die ja auch Eingang in die Alltagssprache gefunden hat. Wie aus einem Film wird die Horrorszene von einem Zensor herausgeschnitten, die Enden passend zusammengeklebt, so daß der Eindruck eines "Filmrisses" vermieden wird. Und der Ödipus-Konflikt ist eine solche Horrorszene, die das Kind nicht verkraften, verarbeiten, integrieren kann.

Auch die Eltern pflegen diesen Konflikt zu verdrängen - sofern sie ihn überhaupt bemerken. Es ist schließlich ein unerträglicher Gedanke für Eltern, von ihren eigenen Kindern sexuell begehrt worden zu sein - "das kann doch nicht wahr sein!"

Wir müssen uns also zu der Einsicht bequemen, daß unsere Wahrnehmung und Erinnerung an die Ereignisse unseres Lebens keineswegs ein objektives Bild darstellt, sondern vielfältig verfremdet und "zensiert" ist. Gerade die wichtigsten Dinge, von den wir glauben, daß wir sie "ein Leben lang nicht vergessen werden", unterliegen regelmässig den Eingriffen der Abwehrmechanismen namentlich dann, wenn dies negative Ereignisse gewesen waren. "Vergessen" wird in der Tat nur Unwichtiges - oder solches, was unsere Psyche als unwichtig ansieht. Was aber "bleibenden Eindruck" hinterlassen hat, bleibt stets erhalten, aber oftmals nur in der Sphäre des Unbewußten, die dem Bewußtsein verborgen ist. Auch die Abwehrmechanismen selbst bleiben dem Bewußtsein verborgen - wer sich nicht mit der Psychoanalyse befasst hat, weiß regelmässig überhaupt nicht, daß es sie gibt und wenn er sie zur Kenntnis genommen hat ohne sich eingehend damit zu befassen, hält er sie zumeist für rein theoretische Möglichkeiten, von denen er selbst jedenfalls praktisch nicht betroffen ist.

Es ist im Gegenteil sogar so, daß die Abwehrmechanismen am aktivsten werden, wenn sich das Thema eines Gespräches, einer Lektüre, eines Films einem verdrängten Trauma nähert. Dann kann man immer wieder einen aberwitzig anmutenden Satz hören, der in der einen oder anderen Fassung immer wieder kehrt: "Ich - ich habe doch kein Trauma - ich doch nicht ! Wenn ich ein Trauma verdrängt hätte, dann wüßte ich das !" - Es sind die Abwehrmechanismen, die diesen und ähnliche Aussprüche produzieren und auch den berühmten "Widerstand" des Analysepatienten, der sich "mit Händen und Füßen" gegen das Trauma wehrt, daß aus seinem Unbewußten unter dem Eindruck der Analyse wieder zum Bewußtseind drängt.

Die "Normalos", die "psychisch Unauffälligen" sind auch nur deswegen unauffällig, weil sie von Millionen und Milliarden anderer "Unauffälliger" umgeben sind, die auf genau dieselbe Art und Weise traumatisiert worden sind. Auf einer Insel, die von Zyklopen bewohnt wird, fällt ein Einäugiger eben nicht auf.

Dieses Trauma des Ödipus-Komplexes ist auch konstitutiv für viele menschliche Eigenschaften, die ihn überhaupt erst befähigen, sich zu funktionierenden makrosozialen Einheiten zusammenzuschließen, zuförderst das Gefühl von Schuld und Verantwortung. Denn dieses Schuldgefühl ist der Schuldvorwurf des begehten Elters für eben dieses Inzest-Begehren des Kindes. Damit wird ja auch die "Inzestschranke" errichtet als die härteste aller Normen.

Dieses Schuldgefühl, daß die meisten von uns nie mehr verlässt, ist die berühmte "Erbsünde" der christlich-jüdischen Dogmatik. Die Geschichte von Adam, Eva und dem Apfel ist schlicht: der Ödipus-Konflikt, der wie in einem Alptraum verfremdet erscheint: "Gottvater" ist der Familienvater, der aus dem Haus gegangen ist, Eva ist die Mutter, Adam der Sohn. Der Apfel, der im Original ein Granatapfel ist, symbolisiert die Vagina der Mutter, die Schlange den Penis des Sohnes. Kulturpsychoanalytisch sehen wir also in monotheistischen Religionen mit ihrem Dogma von der Erbsünde wohlorganisierte gruppenpsychotherapeutische Institutionen, die dem Menschen helfen, mit diesem obskuren Schuldgefühl fertigzuwerden, das sie in sich tragen und nicht wissen, nicht wissen können, woher es stammt.
Und weil man für Schuld eben auch Buße tun, Entsagungen und Entbehrungen auf sich nehmen muß, glauben die "psychisch Unauffälligen" nur allzu gerne jedweden Ideologien, Predigern, Intellektuellen und Wissenschaftlern (die für mich nichts sind, als säkularisierte Kleriker), die von ihnen große Opfer, gewaltige Anstrengungen, Verzichte usw abverlangen, weil ansonsten die Welt untergeht und die Menschen daran schuld sind. Die Bedeutung des Ödipus-Komplexes für "die Gesellschaft" ist also ebenfalls garnicht zu unterschätzen - und ebenso ist die Bedeutung der individuellen wie kollektiven Verdrängung dieses Traumas nicht zu unterschätzen: weil nämlich eine psychoanalytisch aufgeklärte Gesellschaft all diese Bußprediger wahrscheinlich als das erkennen würde, was sie sind: narzisstisch-aggressive Psychopathen - und zum Teufel jagen würde, statt ihnen brav zu willfahren.

Denn: diese Bußprediger gehen mit ihrer Erbsünde - dem diffusen Schuldgefühl als Überbleibsel des Ödipus-Traumas - in der narzisstisch-aggressiven Weise um: sie projizieren ihre Schuld ins Gegenteil verkehrt nach aussen, machen einen Schuldvorwurf gegen andere daraus, während die große Mehrheit der "psychisch Unauffälligen" in narzisstisch-passiver Weise in ihrem Schuldgefühl verharrt und den Schuldvorwurf ihrer Bußprediger ebenso willig annimmt, wie auch ihr Versprechen nach Erlösung von ihrer Schuld. Eine "organisierte, entwickelte, makrosoziale Gesellschaft" in unserem neuzeitlichen Sinne setzt das Schuldgefühl des Ödipus-Konfliktes voraus, beruht auf ihm.


"Amen!"
NikiLE
 
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Primäre Transsexuelle und multiple Persönlichkeiten

Postby NikiLE » Monday 26. March 2018, 11:26

Nun kann es aber vorkommen, daß sich das Kind nicht dem gegen- sondern dem gleichgeschlechtlichen Elter zuwendet und zu diesem Zweck von seiner Ambisexualität Gebrauch macht, in die gegengeschlechtliche Rolle schlüpft. Das fällt dem Kind sehr leicht, weil es ja für das Kind überhaupt nur Rollen gibt, die es spielt.

Die ödipale Zuwendung zur Mutter ist wiederrum beim Mädchen leicht aus der Erinnerung an die früheste Beziehung zur Mutter erklärbar, von der es sich vielleicht nie völlig gelöst hat, keine Entfremdung wie die von Freud vermutete, eingetreten ist. Auch ein "kalter Vater" kann das Mädchen von sich fernhalten, wie eine "kalte Mutter" auch den Knaben, der sich einem warmherzigen Vater dann um so eher zuwenden will. Vielfältige Störungen und Defizite früherer Lebensphasen sind denkbar, insbesondere der Zusammenbruch der traditionellen Familie. Die Mutter ist nicht mehr bis ins Grundschulalter hinein ausschließlich für die Kinder da, sondern kehrt oftmals sehr frühzeitig wieder in ihren Beruf zurück, empfindet ihre Mutterschaft zunehmend als lästige Pflicht. Väter wechseln einander in ihren volatil gewordenen Beziehungen ab, die Kinder erleben beruflich bedingte Umzüge ihrer Eltern. In der allerjüngsten Zeit sieht man öfters junge Männer, wie sie "muttern": sie tragen Säuglinge vor der Brust oder auf dem Rücken, füttern und pflegen sie, werden auch für das Kind tiefenpsychologisch zu Müttern, so daß das spätere ödipale Kind dann vielleicht wirklich nicht mehr weiss - oder besser: fühlt - wer nun Mama und wer nun Papa ist. Auch die konkrete Ausgestaltung der inter-infantilen Beziehungen kann dazu führen, daß ein Kind an der (aus biologischer Sicht) gegengeschlechtlichen Rolle gefallen findet, sich auf sie festlegt oder festgelegt wird. Von Freud stammt ja bereits der Hinweis, daß eine bestimmte Verarbeitung des Penisneid-Traumas beim Mädchen dazu führen kann, daß es sich in die männliche Richtung entwickelt. Denkbar könnte auch sein, daß der von einem frühen Kastrationskomplex beplagte Knabe sich aus diesem Grund von der vermeintlich kastrierten Mutter abwendet und sein Begehren deshalb auf den Vater richtet - die Anzahl der Möglichkeiten ist Legion.

Es kann also sehr gut dazu kommen, daß das ödipale Beziehungsdreieck sich so gestaltet, daß der Knabe sich dem Vater zuwendet, Eifersucht gegen die Mutter entwickelt und vom Vater mit seinem sexuellen Begehren zurückgewiesen wird, die Mutter als obsiegende Konkurrentin zur Aggressorin wird und der Knabe sich deren Sexualcharakter introjiziert, woraus ein weibliches Über-Ich erwächst - und fertig ist die "primäre Transfrau", im umgekehrten Falle: der "primäre Transmann".

Mit "primärer Transsexualität" wird im allgemeinen der Fall beschrieben, bei welchem der Transgender schon in Kindheit und früher Jugend seine Trans-Identität wahrgenommen hat - und ich vermute, daß es genau dieser Fall ist: daß diese frühe Ausbildung der Trans-Identität aus einem solchen "umgekehrt erlebten Ödipus-Konflikt" erwächst. Heutezutage erlebt man auch, daß dieser Trans-Identität schon keine Widerstände verständiger Eltern mehr entgegengestellt werden - aber in sehr vielen Fällen wird auch heute noch eine Ablehnung durch Eltern und Umfeld, Erziehung und Sozialisation einsetzen mit dem Ziel, den jungen Erwachsenen an seinem biologisch-genitalen "Zuweisungsgeschlecht" festzuhalten. Die Trans-Identität wird in diesen Fällen wohl oft in die Phantasie abgedrängt, eine schizoide Innenwelt, ein "Kopfkino", in dem die Trans-Identität in einem phantastischen Rollenspiel wenigstens als eine Art Tagtraum "gelebt" werden kann. Man kann aber annehmen, daß spätestens der Hormonschub der Pubertät dazu führt, daß sich diese Trans-Identität wieder nach aussen kehrt mit einer möglichen Zwischenphase dezidiert homosexuellen Verhaltens, der Wunsch jedoch, die Trans-Identität voll zu leben, alsbald manifest wird. Biologische Frauen stehen sich insofern zunächst leichter in einer Gesellschaft, in der die sexuelle Emanzipation im wesentlichen in der Übernahme männlicher Muster durch Frauen stattfindet - eine maskuline Frau passt zum Klischee der selbstbewußten "Emanze", während feminine Muster bei Männern immer noch stark abgelehnt werden. Diese Erleichterung kann aber zum Bumerang werden, wenn eine langjährige militant-feministische "Kampflesbe" auf einmal erkennen muß, daß ihr so sorgsam gepflegtes Feindbild "Mann" - ihr eigenes gender ist.

Freud beschreibt in "Das Ich und das Es" noch eine weitere Fallgruppe: den "vollständigen Ödipus-Komplex": Das ödipale Kind, vom gegengeschlechtlichen Elter abgewiesen und schon mit einem "frischen", noch nicht fest veranktertem Introjekt vom gleichgeschlechtlichen Elter versehen, macht von seiner Ambisexualität Gebrauch, schlüpft in die Rolle des Gegengeschlechts und wendet sich in dieser Rolle dem gleichgeschlechtlichen Elter zu: der Knabe will dem Vater die Frau, das Mädchen der Mutter den Mann machen - und es wird abermals zurückgewiesen, erhält ein zweites Introjekt, diesmal das des Gegengeschlechtes. So entsteht ein "faustischer Mensch" mit wirklich zwei Seelen in der Brust, die sich in aller Regel früher oder später in traumatisierenden Situationen weiter aufspalten. Denn diese zwei Über-Ichs sind aus einer seelischen Substanz erwachsen, die normalerweise nur ein einziges Über-Ich ausbildet. Die Beiden sind schwächer, vermögen gegenüber späteren Traumatisierungen nur geringeren Halt und Schutz zu bieten.

Es entsteht so die "multiple Persönlichkeit", die idR in der Spitze aus mehreren Dutzend "Anteilen" beider Geschlechter in unterschiedlichen Lebensaltern bestehen. Diese "Multis" sind "transgender" schlechthin. Es dauert meist lange, bis sich ein stabiles System, meist "Haus" genannt ausbildet, in dem es eine Art von "Leitungsteam" gibt, welches das Gesamtsystem steuert und moderiert und von der Ausgestaltung dieses Systems hängt es dann auch ab, wie sich das System nach aussen präsentiert: als Mann ider als Frau - gelegentlich können sie auch zwischen den Geschlechtern "switchen".

Freud erklärt a.a.O. nicht, welche Umstände zu diesem sehr seltenen "vollständigen Ödipus-Komplex" führen, aber man kann vielleicht annehmen, daß es diejenigen Fälle sein können, in denen die Eltern dem Kind nicht als Einheit erscheinen, sondern als zwei Menschen, die dem Kind gegenüber völlig unterschiedliche Haltungen und Positionen einnehmen, auch miteinander wenig kooperativ erscheinen. Auch sich abwechselnde Erziehungsexperimente und -konzepte können eine Rolle spielen, interkulturelle Elternpaare, die keine echte gemeinsame Linie gegenüber dem Kind gefunden haben, und jeder Elter hinter dem Rücken des anderen Elters seine eigene Kultur vermitteln will, könnten einen vollständigen Ödipus-Komplex vielleicht auch begünstigen.
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Infantile Persönlichkeiten

Postby NikiLE » Monday 26. March 2018, 11:34

Bei einer weiteren Fallgruppe kommt es überhaupt nicht zu dem "konstruktiven Introjekt" aus dem Ödipus-Konflikt, folglich auch zu keinem "Über-Ich", keiner Ausbildung einer eindeutigen sexuellen Identität. Sie entwickeln sich weder zum Mann, noch zur Frau, verbleiben in der "ambisexuellen Omnipotenz" des Kindes, werden niemals erwachsen.

Die Ursache hierfür kann zunächst darin liegen, daß es für das Kind in der ödipalen Phase keine geeigneten Liebesobjekte gab, kein Elternpaar im psychoanalytischen Sinne: es gab keinen Elter, auf den das Kind sein sexuelles Begehren richten konnte, keinen zweiten Elter, den es als obsiegenden Konkurrenten wahrnehmen konnte. Man denkt dabei sofort an Kinder, die in Heimen aufwachsen.
Das Kind kann aber auch in der ödipalen Phase von anderweitigen Liebesojekten als den Eltern in Anspruch genommen worden sein, zu denen es keine solche Dreiecksbeziehung gab, wie in der "Triangel" des Ödipus-Komplexes - ein Geschwister, ein Zwilling zumal, ein Kind aus der Nachbarschaft wäre auch denkbar.

Schließlich gibt es die zahlenmässig erhebliche Fallgruppe des Inzestkindes. Man schätzt, daß 5-10% aller Kinder im deutschen Sprachraum sexuell mißbraucht werden und Täter ist sehr regelmässig: ein Elter. Es kann also sein, daß das Kind im Ödipus-Konflikt zum Phyrrus-Sieger werden kann: es dringt mit seinem sexuellen Begehren auf - regelmässig den gegengeschlechtlichen - Elter durch, verdrängt den anderen Elter über kürzere oder längere Zeit aus seiner Position. In manchen Fällen endet die Inzestbeziehung nie - sie dauert fort bis zum Tod eines Teiles, regelmässig des Elters. In anderen Fällen wird die Inzestbeziehung alsbald wieder unterbrochen, der andere Elter nimmt seine Position wieder ein, verdrängt das Kind mehr oder weniger brachial - aber wird damit nicht zu einem obsiegenden Konkurrenten, sondern zum Usurpator. Es kommt dann zwar zur Ausbildung eines Introjektes, aber eines destruktiven Introjektes, das nicht zu einem konstruktiven Über-Ich auswächst, sondern pathogen wird, einen beständigen, kräftezehrenden und krankmachenden innerpsychischen Konflikt erzeugt. Zu dieser letztgenannten Fallgruppe muß ich mich selbst rechnen.

Gemeinsam ist all diesen Infantilen jedoch neben ihrer fortgesetzten Ambisexualität, ihrer identitären Indifferenz, daß sie überhaupt kein "Über-Ich" besitzen, sondern lediglich, wie das ältere präödipale Kind eine Vorform, die eine assimilative, oberflächliche Sozialanpassung gewährleistet. Infantile Persönlichkeiten bleiben - wie Kinder - ganz dem Lustprinzip verhaftet. Triebaufschub oder gar Triebverzicht können sie nur im geringsten Umfang leisten - Arbeit, erst recht: regelmässige Arbeit, ist für sie eine Qual. Tendiert ihre Triebstruktur zur Aggression, werden sie leicht zu gewaltbereiten Verbrechern, Serientätern bis hin zu Massenmördern. Ich glaube, daß zB Adolf Hitler eine solche aggressiv-infantile Persönlichkeit gewesen war. Umgekehrt, bei eher erotisch geprägter Triebstruktur, werden sie leicht sexualisiert, widmen sich hauptsächlich ihrer von allerlei Perversionen schillernden Promiskuität, werden zu "Lustknaben" und "Freudenmädchen", haben eine hohe Affinität zur Prostitution. Ich glaube, die lateinamerikanischen Travestis, die man hier gerne Transen oder Trannies nennt, sind idR solche infantilen Persönlichkeiten. Sie haben nicht nur keine sexuelle Identität, sondern auch kein Gewissen, kein Verantwortungsgefühl, kennen kein Mitleid, keine Solidarität, verinnerlichen keinerlei Werte mit der einzigen Ausnahme des "11. Gebots": "Du sollst Dich nicht erwischen lassen!". Die Infantilen haben indessen auch kein Problem, alle mögliche Konformität zu heucheln, sind Opportunisten reinsten Wassers. Ihre Anomie lässt sie aber auch sehr kreativ sein - von den Denkgewohnheiten und Scheuklappen der diversen Normsysteme sind sie nicht betroffen, ihre intellektuell-kognitive Leistungsfähigkeit bleibt hinter derjenigen der "Adulten" kaum zurück, kann sie sogar eben wegen ihrer Flexibilität und Kreativität übertreffen. Ihre Anpassungsfähigkeit ist sehr hoch - positive Kehrseite ihres Opportunismus'. Wie Kinder sind sie leicht entflammt, verlieben sich ständig, können aber keine stabile Objektkonstanz aufbauen. Wen sie heute noch maßlos lieben oder haßen, kann ihnen morgen schon völlig gleichgültig sein. Da sie des Schutzschildes eines Über-Ichs entbehren, sind sie anfällig für Traumatisierungen, sofern es ihnen nicht gelingt, Aggressionen und Stressituationen mit ihrer geschmeidigen Strategie flexibel zu begegnen.
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Penisneid und Kastrationsangst

Postby NikiLE » Thursday 5. April 2018, 21:36

Neben dem Ödipus-Konflikt stellt das miteinander verbundene Doppel von Penisneid und Kastrationsangst die weiteren essentiellen Traumata dar, die nach Freud die Ausbildung der Sexualcharaktäre von Mann und Frau bestimmen, insbesondere ihr bis heute schwieriges Verhältnis. Freud hat sie in dem kurzen Aufsatz "Einige psychische Folgen des anatomischen Unterschiedes von Mann und Frau" knackig dargestellt, dem ich hier weitgehend folge:

Ursprünglich haben Mädchen und Knaben in der ödipal-genitalen Phase eine gemeinsame Sexualität. Freud spricht von der "phallischen Phase" der Kindheit, wobei Phallus hier als Oberbegriff für Penis und Clitoris gebraucht wird. Mädchen wie Knaben entdecken, höchstwahrscheinlich beim Urinieren und den hygienischen Verrichtungen die starke Reizbarkeit dieser primären erogenen Zonen und nutzen sie masturbatorisch weidlich aus - alleine, in homo- und eventuell auch heterosexueller Gemeinschaft. Ich selbst habe jedenfalls gemeinsame infantile Masturbation mit Mädchen in der Psychoanalyse erinnert. Wir kuschelten und küssten uns dabei auch.
Die erstmalige Wahrnehmung eines erigierten Penis, uU schon der eines Knaben, erst recht aber der eines erwachsenen Mannes läßt das Mädchen erschrecken. Während es zuvor vielleicht glaubte, daß die unterschiedlichen Größen der infantilen Phalli lediglich Entwicklungsunterschiede sein könnten, so etwa, wie ein Kind früher oder später in den Zahnwechsel kommt, langsamer oder schneller wächst, muß das Mädchen nun erkennen, daß dieser Größenunterschied uneinholbar geworden ist. Erst recht der erwachsene, erigierte Penis erscheint gigantisch im Vergleich zur Clitoris. Daß dieser anatomische Unterschied funktional gesehen für nichtpenetrative Sexualpraktiken bedeutungslos ist, weiß das Mädchen nicht, schließt aus dem Größenunterschied auf eine funktionale Überlegenheit des Penis gegenüber seiner Clitoris und entwickelt einen Minderwertigkeitskomplex, den es - nach Freud - auf drei grundsätzliche Weise in seinem Unbewußten verarbeiten kann:

Ist die Einschüchterung durch den Penisneid sehr groß, dann gibt das Mädchen seine Sexualität vollkommen auf, wird "anästethisch" (Freud), als Frau frigide, assexuell. Der wohl berühmteste Fall dieser auf dem Penisneid beruhenden Frigidität dürfte Marie Bonaparte sein, Freuds letzte Lieblingspatientin, Freundin, Schülerin und Lebensretterin nach dem "Anschluß" Österreichs im Jahre 1938, den der schon todkranke Freud noch erleben mußte. Der "Fall" Marie Bonapartes ist in der Wikipedia recht detailiert dargestellt, ich will mich auf diesen Verweis beschränken:

https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Bonaparte

Marie Bonaparte litt - wie viele Assexuelle - fürchterlich unter diesem Zustand, zumal sie - wie viele Assexuelle - in ihrem Bewußtsein eine sexpositive Persönlichkeit war, ihre Frigidität durchaus richtig als pathologisch empfand. Freud konnte sie zwar die Ursache ihrer Frigidität erinnern lassen - aber die erhoffte Heilung trat durch die Analyse nicht ein.

Die zweite Fallgruppe besteht aus Mädchen, die trotzig an ihrer Clitorismasturbation und ihrer Wertschätzung für die Clitoris festhalten, die erwachsene Bewertung der Gleichwertigkeit mit dem Penis vorwegnehmen. Diese Frauen bleiben auch im unbewußten Teil ihres Sexualcharakters auf Augenhöhe mit den Männern, entwickeln sich aber - nach Freud - eher zu seiner lesbischen Orientierung. Wie schon angedeutet, kann sich ein solches Mädchen im Ödipuskomplex viel eher der Mutter (seiner ersten Sexualpartnerin) zuwenden, ein väterliches Über-Ich erhalten und zum primären Transsexuellen werden. Ich selbst meine, daß es auch bei einer cisgender-Entwicklung eine nicht nur sexuell, sondern auch generell sehr selbstbewußte "starke Frau" werden kann. Ich selbst nenne diese Frauen gerne "clitorale" oder "phallische" Frauen.

Die dritte Fallgruppe dürfte jedoch quantitativ die Bedeutenste sein: das Mädchen gibt sich geschlagen und - zunächst - seine Clitorismasturbation auf, unterwirft sich mit seiner Sexualität dem - ja nur vermeintlich - besseren Mann, entwickelt einen Charakter, den Freud andernorts ("Über das ökonomische Problem des Masochismus") als "feminin masochistisch" bezeichnete. Diese feminin-masochistischen Frauen definieren ihr Frau-sein und ihre Sexualität nach dem Mann, von dem sie "genommen" werden wollen und eine nicht nur sexuell sondern auch sozial devote Rolle in der klassischen partiarchalischen Ehe und Familie einnehmen wollen. Auch diese generelle Devotion erfolgt unbewußt. In ihrem Bewußtsein können diese femininen Masochistinnen glühende Feministinnen sein - in vielen Fällen dürfte heute der feminine Masochismus in einen rein sexuellen Masochismus abgedrängt worden sein, was sich von schlicht passivem Verhalten beim Sex bis hin zur härten BDSM-Varianten erstrecken kann. Im Grunde entspricht die Rolle der Frau im mainstream-hetero-Porno idealtypisch der femininen Masochistin, die den Penis anbetet, sich "willig" dem Mann unterwirft, alles mit sich machen und sich rein passiv "durchbumsen" läßt - das ist auch wohl der Grund für die unausrottbare Beliebtheit dieses mainstreams.

Erst mit dem Kind, das nach Freud irgendwann an die Stelle des Penis tritt, in der Mutterrolle, gewinnt die feminine Masochistin eine Kompensation für ihre - eingebildete ! - genitale Minderwertigkeit, so daß die Augenhöhe mit dem Mann wieder hergestellt werden kann. Damit erklärt sich sowohl der stolze Baby-Exhibitionismus junger Mütter, als auch die merkwürdigen Änderungen im Charakter vieler Frauen durch die Mutterschaft. Psychoanalytisch gesehen ist der feminine Masochismus auch der einzige tiefenpsychologische Grund für den Kinderwunsch der Frauen - neben der passiv-narzistischen Anpassung an die gesellschaftliche Norm, daß eine Frau gefälligst Kinder haben solle, Mutterschaft "natürlich" sei. Ich meine auch, daß dieser Kinderwunsch die Ursache für viele nach dem Bewußtsein der Frauen unerwünschte Schwangerschaften sein kann - mit purer Dummheit sind die notorischen Fehlleistungen der Frauen bei der Empfängnisverhütung wohl kaum zu erklären. Denn auch der Kinderwunsch als solcher kann unbewußt bleiben.

Diese dritte Richtung der Verarbeitung des Penisneid-Traumas ist nach Freud sogar eine Voraussetzung dafür, daß das Mädchen sich von der Mutter abwendet, die es für seinen viel zu kleinen Phallus verantwortlich macht, sich im Ödipus-Konflikt dem Vater zuwendet und sich zur cisgender-Frau entwickelt. Davon bin ich bislang noch nicht vollständig überzeugt, aber meiner Beobachtung nach ist diese Fallgruppe wirklich quantitativ überwältigend: ich schätze, daß wenigstens 60-70 % aller Frauen zu diesem Typus der femininen Masochistin zu zählen sind. Das mußt wohl auch irgendwo so sein: denn nur diese Frauen haben einen tiefenpsychologischen Kinderwunsch, während bei den ersten beiden Fallgruppen ein Kinderwunsch nur durch Sozialanpassung erklärbar ist und zur traurigen Erscheinung der "regretting moms" führt, die ihre Mutterschaft zutiefst bedauern und für ihre Kinder keine Liebe aufbringen können, sich diesen Pflichten nur widerwillig unterwerfen - wie es eben beispielsweise die bereits erwähnte Marie Bonaparte getan hatte, die aus dynastischen Gründen zur sie quälenden Mutterschaft verdammt gewesen war.

Die Annahme dieses Penisneid-Traumas und des darauf beruhenden femininen Masochismus ist für eine der sexuellen Gleichberechtigung verpflichteten Gesellschaft jedoch unerträglich - auch wenn er sich immer wieder in der psychoanalytischen Praxis bestätigt, wird er verleugnet. Die "feministische Psychoanalyse" versucht, die Verhältnisse umzudrehen, indem sie einen "Gebärneid" des Knaben postuliert. Das wird heute auch allgemein an den Universitäten gelehrt. Aber: diese feministische Psychoanalyse existiert nur im akademischen Elfenbeinturm der Universitäten, auf Podiumsdiskussionen, in Thesenpapieren und Forderungen. In der Praxis kommt sie nicht vor. 2017 habe ich mal "nachgegooglet": "Feministische Psychoanalyse" hat zwar Terrabytes an Texten zutage gebracht - aber eine psychotherapeutische Praxis, die sie anbietet, habe ich im deutschen Sprachraum nicht gefunden. Die "Klassische Psychoanalyse nach Freud" dagegen wird fast in jeder Kleinstadt von einem Therapeuten oder Psychiater angeboten - sie ist eine der ältesten, erfolgreichsten und am weitesten verbreitete Therapieschule überhaupt. Deswegen halte ich diese emanzipatorische "Kritik" am Penisneid schlicht für: "postfaktisch".

Meine eigene psychoanalytische Praxis ist nicht sehr umfangreich - schließlich bin ich Dilletantin. Es gab bis dato nur einen "Fall", indem ich selbst einen Penisneid analysiert habe - dieser Fall hat mich allerdings unmittelbar und hart betroffen: denn die Analysantin war eine frühere Ärztin von mir, die meine Selbstanalyse zunächst entscheidend unterstützt hatte. Da diese Ärztin ebenfalls psychoanalytische Dilletantin war, selbst keine Lehranalyse absolviert hatte, konnte sie ihre "Gegenübertragung" nicht kontrollieren, die durch ihren unbewußten Penisneidkomplex ausgelöst worden war und letztlich zu einer "folie à deux" zwischen uns beiden geführt hatte. Auch diese Ärztin - eine sehr gutaussehende, erfolgreiche und sehr selbstbewußt auftretende Frau mit "feministischer Attitüde" - ist tiefenpsychologisch eine solche feminine Masochistin, der jedoch die Kompensation ihres Penisneides aufgrund ihrer Infertilität verschloßen geblieben ist.

Indem ich also den Penisneid mit seiner Auswirkung des femininen Masochismus letztlich bejahen muß, komme ich auch nicht umhin, ihn als eine tragende Säule des Patriarchats anzuerkennen: die femininen Masochistinnen wollen - unbewußt ! - vom Mann "genommen" und be-herr-scht werden, bis sie durch die Mutterschaft - möglicherweise - wieder zur Augenhöhe mit ihm kommen. Ihre Psyche, ihr Unbewußtes ist emanzipationsresistent. Die Emanzipation löst vielmehr einen innerpsychischen Widerstreit in ihrer Psyche aus, wohl oftmals mit pathologischen Folgen - wie bei jener Ärztin. Alice Schwarzer hat das schon sehr richtig erkannt, als sie aussprach: "Masochismus ist Kollaboration!" - Ich bin mir heute sehr sicher, daß sie eben diesen "femininen Masochismus" damit meinte und nicht den rein sexuellen Masochismus, den Lustschmerz, der im psychoanalytischen Sprachgebrauch zur Abgrenzung gerne Algolagnie genannt wird. Aber: die Kollaboration ist auf der bewußten Ebene nicht zu erreichen - "unausrottbar".

Doch auch die Kastrationsangst des Knaben, dem oder der ich mich jetzt endlich auch mal zuwenden will, hat damit zu tun. Doch zunächst will ich dieses Trauma auch kurz skizzieren:

Die Kastrationsangst des Knaben wird ausgelöst durch Erzieher, idR wohl die Eltern, die der infantilen Masturbation des Knaben mit der Kastrationsdrohung beantworten: "Wenn Du nicht aufhörst, machst Du ihn noch kaputt, er fällt Dir ab!" und dergleichen mehr. Ich glaube, daß diese Drohung der Eltern von denselben eher humorig gemeint sein wird - die Folgen dieser unbedachten Kastrationsdrohung werden von den Eltern regelmässig nicht übersehen. Auch von anderen Autoritäten, nicht zuletzt den "peer groups" der Gleichaltrigen kann eine solche Drohung, mitunter auch die explizite Drohung: "Dann schneiden wir ihn Dir ab!" ausgehen. Der Knabe nimmt diese Drohung, das Masturbationsverbot zunächst nicht wirklich ernst. Da er noch kein Über-Ich hat, keine moralische Instanz, gilt für ihn nur das 11. Gebot. Das ändert sich jedoch, wenn er zum ersten Mal bewußt das Genital einer Frau wahrnimmt - moglicherweise schon das des Mädchens, sicherlich aber beim Genital der erwachsenen Frau. Denn: der Knabe hält die Frau nun für einen - ehemaligen - Mann, einen ehemaligen Knaben, der wegen irgendeiner furchtbaren Unartigkeit, womöglich der Penismasturbation, bereits kastriert worden ist.

Auch beim Knaben gibt es unterschiedliche Möglichkeiten der Verarbeitung dieses traumatischen Erlebens, das ebenso wie beim Mädchen auf einer irrigen Fehleinschätzung beruht.

Auch Knaben können ihre Penismasturbation, ihre Sexualität aufgeben, wenn die Einschüchterung durch die Kastrationsangst sehr heftig war. Sichtbare Folge ist wohl oft die Phimose, die Vorhautverengung, mit welcher der Knabe geboren wird und erst durch die Masturbation normalerweise überwindet. Auch Knaben können zu asexuellen Männern werden, oder sich von der Mutter abwenden, im Ödipus-Konflikt dem Vater zuwenden mit der Folge primärer Transsexualität.

Auch Knaben können die Kastrationsangst überwinden, an ihrer Masturbation ebenso festhalten, wie an der Wertschätzung für die Mädchen. Diese Knaben scheinen mir zu Männern zu werden, die an ihrer natürlichen Bisexualität am ehesten festhalten und zu Frauen ein partnerschaftliches Verhältnis suchen. Finden sie Partnerinnen aus der seltenen Gruppe der clitoralen oder phallischen Frauen, dann ähneln ihre Beziehungen eher homosexuellen Paaren, als denen der Heteronormativität. Aber solche Paarungen dürften selten sein. Es sind wohl diejenigen heterosexuellen Paare, die im Alltag eher "wie Geschwister" wirken, als "wie Mann und Frau" und beim Sex abwechselnd männliche und weibliche Rollen übernehmen, sich wohl oft auch gegenseitig penetrieren, wobei sich die Frau eines "Strapons" bedient und auch eine Affinität zur promiskuitiven Szene oder polygamen Beziehungsformen besteht.

Aber bei der wohl zahlenmässig bedeutsamsten Gruppe führt die Kastrationsangst zu einem mehr oder minder stark ausgeprägten Chauvinismus: auch der Mann erblickt in der Frau einen unmoralischen "Menschen 2. Klasse", der von ihm als "anständigem" Mann (anständig, weil er eben nicht kastriert ist!) zurecht be-herr-scht - und natürlich auch "beschützt" - werden muß. Daß die Frau sich ihm sexuell wie sozial unterwirft, hält er für natürlich, ebenso wie sein gutes Recht, sie zu "nehmen" und sie "durchzubumsen". Die Rolle des Mannes im mainstream-hetero-Porno entspricht auch hier idealtypisch der tiefenpsychologischen Lage. Männlicher Chauvinismus und femininer Masochismus korrespondieren miteinander - die feminine Masochistin will den Chauvi ebenso als Partner, wie der Chauvi die feminine Masochistin begehrt. Daß Frauen ihm gleichberechtig oder gar übergeordnet sein sollen - etwa in höherer beruflicher, politischer oder sozialer Position - das widerstrebt seinem heutezutage regelmässig ins Unbewußte abgedrängtem Chauvinismus, der sich, wie bei der femininen Masochistin, oftmals in die Sphäre des Sexuellen verwiesen sieht. Die enorme Zunahme der Bedeutung von "BDSM" in der Sexszene mag hierin vielleicht ihren Ursprung haben.

In extremer Form führt die Kastrationsangst schließlich zur Mysogynie, der "Frauenfeindlichkeit" im pathologischen Sinne, wie sie sich gelegentlich auch unter Schwulen findet. Ihre herabwürdigende Bezeichnung der Vagina als "offener Wunde zwischen den Beinen" spricht Bände. Aber auch heterosexuelle Männer können zu "Hagestolzen" werden, wie das schöne alte Wort so treffend ausdrückt. Sie verzichten lieber auf jede Sexualität ausser ihrer Autoerotik, als sich mit solch minderwertigen Geschöpfen wie Frauen abzugeben, ziehen mitunter sogar Tiere den weiblichen Artgenossen vor. Ich glaube beispielsweise, daß einige der alleine lebenden männlichen Hundehalter zu diesem Typus zu zählen sein werden auch dann, wenn sie keine "manifesten" zoophilen Handlungen mit den Tieren unternehmen. Auch der hohe Widerstand gegen den Militärdienst von Frauen könnte eine Ursache darin haben, daß diese für Mysogyne so schätzenswert "frauenfreie Zone" verloren gegangen ist.

Die Weichen für das soziale Verhältnis der Geschlechter - der cisgender-Geschlechter, wohlgemerkt - werden also in der psychoanalytischen Sicht in der frühen Kindheit gestellt. "Erziehung und Sozialisation" erreichen lediglich die Oberfläche, das Bewußtsein - der Zugang zu den unbewußten Teilen der Psyche bleibt den sozialen Regelungsmechanismen und politischen Bewegungen verwehrt. Doch diese unbewußten Teile der Psyche sind es, die unsere "Gefühle" bestimmen.

Eine Überwindung des Patriarchats, ein echtes Miteinander der Menschen, die mit Penis und Vagina geboren worden sind und heute immer noch einander gegenüberstehen, wie "aliens", würde also voraussetzen, daß Knaben und Mädchen ermutigt werden, an ihrer "phallischen" Gemeinsamkeit festzuhalten, sich gegenseitig ihre infantile Wertschätzung zu bewahren. Das würde aber widerrum voraussetzen, die infantile Sexualität als solche anzuerkennen und zu respektieren. Aber davon sind wir Lichtjahre entfernt - die infantile Sexualität wird verleugnet. Nicht nur für bildungsferne Schichten, auch für Psychiater, Antropologen, Soziologen und selbst in den "sexuell offenen Kreisen" sind Kinder asexuelle, engelhaft "reine" Wesen, die Sexualität beginne erst in der Pubertät.

Daß sie spätestens mit dem Saugen an der Mutterbrust beginnt, weiß bis heute nur eine verschwindend kleine Minderheit.
NikiLE
 
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Zwischenbemerkung zum Patriarchat

Postby NikiLE » Tuesday 10. April 2018, 20:32

"Das Patriarchat" ist bei FYG ein zentraler Begriff - ich selbst verwende ihn in meinem eigenen Denken kaum, meine Vorstellungen davon sind recht nebulös. Mein Lieblingsfeindbild ist "die Heteronormativität", die sich in weiten Teilen mit dem Patriarchat deckt, aber auch über das Patriarchat hinausreicht insofern, als daß zB auch Homosexuelle untereinander heteronormativen Ansprüchen ausgesetzt sind zB bei der Ausgestaltung ihrer Beziehungen.

Weil ich mich also nun auf dem wackeligen Boden meines Nichtwissens vom Patriarchat auf die Seite von FYG stellen und die Opposition gegen das Patriarchat unterstützen will, dann muß ich zunächst im Rahmen der Feindaufklärung das Augenmerk darauf legen, daß die Annahme, das Wesen des Patriarchats bestehe in der zwangsweisen Unterdrückung der "zur Freiheit geborenen" Frau durch den sinisteren, perfiden Mann, in psychoanalytischer Perspektive nicht haltbar ist. Das Patriarchat gleicht vielmehr einer spezifischen sexuellen Beziehung, nämlich der zwischen dem "Dom" und der "Sub", die regelmässig nicht mit einer aktiven Unterwerfung durch den Dom, sondern die passive Unterwerfung durch die Sub beginnt, die sich freiwillig ihrer "Herrschaft" ausliefert - vom erotischen Spiel, das auf eine "session" begrenzt ist bis zur totalen "24/7"-Beziehung. Dem durch seine Kastrationsangst von seiner Superiorität überzeugten und herrschaftswillig gewordenen Mann steht die durch ihren Penisneid von ihrer Inferiorität überzeugte und unterwerfungswillig gewordene Frau gegenüber - besser gesagt: sie begegnet ihm von vorneherein auf den Knien. Der Anspruch der Emanzipation auf Gleichstellung bedeutet für dieses Paar, daß es zu einer Beziehung gezwungen wird, die kein Teil von beiden tiefenpsychologisch will - auch wenn beide in ihrem Bewußtsein die Emanzipation "rein rational" bejahen - "gefühlsmässig" lehnen beide sie ab. Dies trifft nicht auf alle Männer und Frauen zu - diese Traumata können, wie ich im vorigen Beitrag versucht habe zu umreißen, auch anders verarbeitet werden, aber der Blick in die Gesellschaft und das Straßenbild führt mich jedenfalls zu der Überzeugung, daß wir es in mehr als der Hälfte der Fälle mit femininen Masochistinnen und "maskulinen Chauvinisten" zu tun haben - wobei der letztere Ausdruck von mir selbst stammt - bei Freud wird allenfalls vom "starken Mann" oder "voller Männlichkeit" gesprochen.

Die politisch-soziale Emanzipation erreicht die heute lebenden, den Kindesbeinen entwachsenen Männer und Frauen bestenfalls in ihrem Bewußtsein - die unbewußten femininen Masochistin und der ebenso unbewußte maskuline Chauvinist bleiben davon unberührt. Beides sind Traumafolgen, die vom Bewußtsein durch die ebenfalls unbewußten Abwehrmechanismen strengstens ferngehalten werden.

Da die Weichen für die Entwicklung zum "Chauvi" oder zur "Maso" also in der Kindheit gestellt werden, müßte eine Emanzipation auch genau dort ansetzen: es ist nicht die Politik, "das Parlament", sondern "die Kinderstube", die über das Verhältnis der Geschlechter entscheidet. Im Osten Deutschlands, in der ehemaligen DDR ist viel getan worden in dieser Hinsicht und das Verhältnis der Geschlechter ist hier wesentlich emanzipierter gewesen, als in der ehemaligen BRD. Da war nicht nur die bessere Versorgung mit praktisch kostenfreien Kindergärten und sonstigen Betreuungsinstitutionen, die den Eltern und v.a. den Müttern einen großen Teil ihrer Pflichten abnahmen, sondern auch und vor allem, daß den Kindern eine wechselseitige Wertschätzung ihres Körpers schon im Kindergarten beigebracht wurde. Diese Tradition hat sich mancherorts bis heute halten können: in der thüringischen Kleinstadt, in der ich über 10 Jahre lebte, spielten die Kinder im Sommer nackt im Freigelände, im "Kindergarten" miteinander. Das Gelände grenzte unmittelbar an einen großen Park, ein vielbegangener Fußweg zur Innenstadt führte daran vorbei. So wird nicht nur eine übermächtige Körperscham minimiert, sondern auch die Chance erhöht, daß Penisneid und Kastrationsangst vielleicht schon garnicht auftreten und gegebenenfalls auch freundlicher verarbeitet werden, als in der Entwicklung zu "Masos" und "Chauvis". Auch die "Sexualcharaktäre", die sich Knaben und Mädchen im Ödipus-Komplex von ihren Eltern introjizierten, waren weitaus weniger patriarchalisch geprägt: beide Eltern waren berufstätig, Frauen in gleicher oder höherer beruflicher Position, als ihre Ehemänner - daß es nur eine Frau in Ministerrat gab - Margot Honecker - ist bedeutungslos: wichtig ist die Masse. Das macht sich auf psychosomatischem Wege auch in der Anatomie bemerkbar: die Frauen hier in Leipzig sind deutlich größer, als "im Westen", zeigen deutlich maskulinere Züge, ein viel größeres sexuelles Selbstbewußtsein. Aber diese Prozesse dauern Generationen, eben weil die so wesentlichen unbewußten Sexualcharaktäre immer nur in den singulären Akten des Ödipus-Konfliktes übernommen, durch "Erziehung und Sozialisation" allenfalls temporär unterdrückt, aber nicht mehr verändert werden können.

Auch müssen wir einer weiteren Tatsache ins Auge sehen: mit der Entwicklung zu einer sexuell selbstbewußten, "phallischen Frau", die vom Penisneid nicht beplagt ist, geht eine wesentliche tiefenpsychologische Motivation für den Kinderwunsch der Frau verloren. Es könnte sogar die einzige derartige Motivation für diesen Wunsch sein - Freud jedenfalls kommt ohne jeden Fortpflanzungstrieb aus. So verbleibt lediglich die narzisstisch-passive Anpassung an das "Heteronormativ" , daß Frauen gefälligst Kinder zu haben hätten, weil das im biologischen Sinne natürlich sei und eine soziokönomische Notwendigkeit - "Kindern für die Rente".

Wir sehen ohnedies, daß die Fertilität der entwickelten Gesellschaften abnimmt - sie sind sterbende Gesellschaften, verlieren ihre "Zukunftsfähigkeit", werden nach und nach durch Migration aus den dichtbesiedelten und ärmen Erdteilen überfremdet, erleben eine kulturelle Umprägung. Auch die Vorstellung, man könne Migranten aus fremden Kulturen integrieren, sie zur Annahme "unserer Werte" umerziehen, muß psychoanalytisch als naiv bezeichnet werden: auch die jüngeren Generationen der Migranten aus endogamen Migrantenfamilien übernehmen im Ödipus-Komplex die Sexualcharaktäre, die schon ihre Eltern aus ihrem Heimatland mitgebracht haben. Interkulturelle Beziehungen und Familien, welche die einzigen tiefenpsychologisch wirksamen Integrationsagenturen darstellen, sind immer noch seltene Ausnahmen.

So gehört womöglich die feminin masochistische Frau als 'Kollaborateuse des Patriarchats' (frei nach Alice Schwarzer) zu den Essentialia, eine Gesellschaft, deren Frauen ausschließlich aus "phallischen Frauen" bestünde, würde vielleicht sehr schnell aussterben. Die Konsequenzen hieraus will ich hier nicht untersuchen.

Aber diejenigen Frauen, die keinen Kinderwunsch in sich wahrnehmen, vielmehr die Entscheidung gegen Mutterschaft treffen, können immerhin die "klassische Psychoanalyse nach Freud" auf ihrer Seite sehen: sie zeigt auf, daß es durchaus nicht "widernatürlich" ist, wenn eine biologische Frau keine Kinder haben will, weil eine "phallische Frau" keine Kinder braucht, um glücklich zu sein.
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Sekundäre Transsexuelle – „Inversion“

Postby NikiLE » Thursday 19. April 2018, 21:19

Sekundär nennt man Transsexuelle, bei denen die Trans-Identität erst zu einem späteren Zeitpunkt im Leben auftritt – im Gegensatz zu den primären Transsexuellen, die sich „schon immer“ dem anatomischen Gegengeschlecht zugehörig fühlten. Auch den Begriff der „sekundären Transexualität“ halte ich für bedeutsam und richtig, weil sie aus psychoanalytischer Sicht mit der Inversion zusammenpasst.

Die Inversion nun neben dem Ödipus-Konflikt eine zweite Gelegenheit im Leben des Menschen, die zur Transsexualität führen kann, nämlich die „Inversion“ im Rahmen der Pubertät, in welcher der Sexualcharakter des Menschen nach Freud erst seine entgültige Gestalt annimmt. Eine starke Bindung an eine frühere sexuelle Beziehung, meistens die zum gegengeschlechtlichen Elter, kann in der Latenz fortbestehen und durch die Pubertät zu jenem merkwürdigen Vorgang der Inversion führen. Mir sind zwei detalierte Darstellungen der Inversion durch Freud bekannt – beide Male stellt er sie für den Mann dar. M.E. funktioniert sie bei Frauen genauso – mutatis mutandis.

In „Massenpsychologie und ich-Analyse“ von 1924 gibt Freud im 7. Kapitel über die Identifizierungen eine Kurzdarstellung:

„Die Genese der männlichen Homosexualität ist in einer großen Reihe von Fällen die folgende: Der junge Mann ist ungewöhnlich lange und intensiv im Sinne des Ödipuskomplexes an seine Mutter fixiert gewesen. Endlich kommt doch nach vollendeter Pubertät die Zeit, die Mutter gegen ein anderes Sexualobjekt zu vertauschen. Da geschieht eine plötzliche Wendung; der Jüngling verläßt nicht seine Mutter, sondern identifiziert sich mit ihr, er wandelt sich in sie um und sucht jetzt nach Objekten, die ihm sein Ich ersetzen können, die er so lieben und pflegen kann, wie er es von der Mutter erfahren hatte. Dies ist ein häufiger Vorgang, der beliebig oft bestätigt werden kann und natürlich ganz unabhängig von jeder Annahme ist, die man über die organische Triebkraft und die Motive jener plötzlichen Wandlung macht. Auffällig an dieser Identifizierung ist ihre Ausgiebigkeit, sie wandelt das Ich in einem höchst wichtigen Stück, im Sexualcharakter, nach dem Vorbild des bisherigen Objekts um. Dabei wird das Objekt selbst aufgegeben; ob durchaus oder nur in dem Sinne, daß es im Unbewußten erhalten bleibt, steht hier außer Diskussion. Die Identifizierung mit dem aufgegebenen oder verlorenen Objekt zum Ersatz desselben, die Introjektion dieses Objekts ins Ich, ist für uns allerdings keine Neuheit mehr. Ein solcher Vorgang läßt sich gelegentlich am kleinen Kind unmittelbar beobachten. Kürzlich wurde in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse eine solche Beobachtung veröffentlicht, daß ein Kind, das unglücklich über den Verlust eines Kätzchens war, frischweg erklärte, es sei jetzt selbst das Kätzchen, dementsprechend auf allen Vieren kroch, nicht am Tische essen wollte usw.
Ein anderes Beispiel von solcher Introjektion des Objekts hat uns die Analyse der Melancholie gegeben, welche Affektion ja den realen oder affektiven Verlust des geliebten Objekts unter ihre auffälligsten Veranlassungen zählt. Ein Hauptcharakter dieser Fälle ist die grausame Selbstherabsetzung des Ichs in Verbindung mit schonungsloser Selbstkritik und bitteren Selbstvorwürfen. Analysen haben ergeben, daß diese Einschätzung und diese Vorwürfe im Grunde dem Objekt gelten und die Rache des Ichs an diesem darstellen. Der Schatten des Objekts ist auf das Ich gefallen, sagte ich an anderer Stelle. Die Introjektion des Objekts ist hier von unverkennbarer Deutlichkeit.“


Eine ausführlichere Darlegung findet sich in der 4. Auflage der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ von 1905. Sie ist in die 1. Abhandlung im Kapitel über die Inversion eingefügt worden. Je nach Edition wird sie als Fußnote oder im Haupttext eingeordnet:

"Die Psychoanalyse hat bisher zwar keine volle Aufklärung über die Herkunft der Inversion gebracht, aber doch den psychischen Mechanismus ihrer Entstehung aufgedeckt und die in Betracht kommenden Fragestellungen wesentlich bereichert. Wir haben bei allen untersuchten Fällen festgestellt, daß die später Invertierten in den ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver, aber kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist an die Mutter) durchmachen, nach deren Überwindung sie sich mit dem Weib identifizieren und sich selbst zum Sexualobjekt nehmen, das heißt vom Narzißmus ausgehend jugendliche und der eigenen Person ähnliche Männer aufsuchen, die sie so lieben wollen, wie die Mutter sie geliebt hat. Wir haben ferner sehr häufig gefunden, daß angeblich Invertierte gegen den Reiz des Weibes keineswegs unempfindlich waren, sondern die durch das Weib hervorgerufene Erregung fortlaufend auf ein männliches Objekt transponierten. Sie wiederholten so während ihres ganzen Lebens den Mechanismus, durch welchen ihre Inversion entstanden war. Ihr zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies sich als bedingt durch ihre ruhelose Flucht vor dem Weibe.

Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert, erfährt sie, daß alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben. Ja die Bindungen libidinöser Gefühle an Personen des gleichen Geschlechtes spielen als Faktoren im normalen Seelenleben keine geringere und als Motoren der Erkrankung eine größere Rolle als die, welche dem entgegengesetzten Geschlecht gelten. Der Psychoanalyse erscheint vielmehr die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des Objektes, die gleich freie Verfügung über männliche und weibliche Objekte, wie sie im Kindesalter, in primitiven Zuständen und frühhistorischen Zeiten zu beobachten ist, als das Ursprüngliche, aus dem sich durch Einschränkung nach der einen oder der anderen Seite der normale wie der Inversionstypus entwickeln. Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit, der eine im Grunde chemische Anziehung zu unterlegen ist. Die Entscheidung über das endgültige Sexualverhalten fällt erst nach der Pubertät und ist das Ergebnis einer noch nicht übersehbaren Reihe von Faktoren, die teils konstitutioneller, teils aber akzidenteller Natur sind. Gewiß können einzelne dieser Faktoren so übergroß ausfallen, daß sie das Resultat in ihrem Sinne beeinflussen. Im allgemeinen aber wird die Vielheit der bestimmenden Momente durch die Mannigfaltigkeit der Ausgänge im manifesten Sexualverhalten der Menschen gespiegelt. Bei den Inversionstypen ist durchwegs das Vorherrschen archaischer Konstitutionen und primitiver psychischer Mechanismen zu bestätigen. Die Geltung der narzißtischen Objektwahl und die Festhaltung der erotischen Bedeutung der Analzone erscheinen als deren wesentlichste Charaktere. Man gewinnt aber nichts, wenn man auf Grund solcher konstitutioneller Eigenheiten die extremsten Inversionstypen von den anderen sondert. Was sich bei diesen als anscheinend zureichende Begründung findet, läßt sich ebenso, nur in geringerer Stärke, in der Konstitution von Übergangstypen und bei manifest Normalen nachweisen. Die Unterschiede in den Ergebnissen mögen qualitativer Natur sein: die Analyse zeigt, daß die Unterschiede in den Bedingungen nur quantitative sind. Unter den akzidentellen Beeinflussungen der Objektwahl haben wir die Versagung (die frühzeitige Sexualeinschüchterung) bemerkenswert gefunden und sind auch darauf aufmerksam geworden, daß das Vorhandensein beider Elternteile eine wichtige Rolle spielt. Der Wegfall eines starken Vaters in der Kindheit begünstigt nicht selten die Inversion. Man darf endlich die Forderung aufstellen, daß die Inversion des Sexualobjektes von der Mischung der Geschlechtscharaktere im Subjekt begrifflich strenge zu sondern ist. Ein gewisses Maß von Unabhängigkeit ist auch in dieser Relation unverkennbar.

Eine Reihe bedeutsamer Gesichtspunkte zur Frage der Inversion hat Ferenczi (1914) vorgebracht. Ferenczi rügt mit Recht, daß man unter dem Namen »Homosexualität«, den er durch den besseren »Homoerotik« ersetzen will, eine Anzahl von sehr verschiedenen, in organischer wie in psychischer Hinsicht ungleichwertigen Zuständen zusammenwirft, weil sie das Symptom der Inversion gemeinsam haben. Er fordert scharfe Unterscheidung wenigstens zwischen den beiden Typen des Subjekthomoerotikers, der sich als Weib fühlt und benimmt, und des Objekthomoerotikers, der durchaus männlich ist und nur das weibliche Objekt gegen ein gleichgeschlechtliches vertauscht hat. Den ersteren anerkennt er als richtige »sexuelle Zwischenstufe« im Sinne von Magnus Hirschfeld, den zweiten bezeichnet er – minder glücklich – als Zwangsneurotiker. Das Sträuben gegen die Inversionsneigung sowie die Möglichkeit psychischer Beeinflussung kämen nur beim Objekthomoerotiker in Betracht. Auch nach Anerkennung dieser beiden Typen darf man hinzufügen, daß bei vielen Personen ein Maß von Subjekthomoerotik mit einem Anteil von Objekthomoerotik vermengt gefunden wird.“


Die Inversion ist ein viel komplizierter Prozess, als die Introjektion des Sexualcharakters eines Elters im Ödipus-Komplex. Damals war die Psyche noch unvollständig gewesen – es gab nur das Ich und das Es, das Über-Ich hat ja erst im Ödipus-Komplex sein Fundament oder Gerüst erhalten gehabt und ist in der Folge „kulturell aufgefüllt“ worden. Die Inversion trifft also auf ein schon vorhandenes, weit ausgebautes Über-Ich, einen fertigen Charakter. Das hat vielfältige Folgen.
Zuförderst beschränkt sich die Inversion wohl in den allermeisten Fällen auf die „sexuelle Orientierung“ – sie betrifft nur das Geschlecht des Sexualobjekts, führt zur echten, exklusiven Homosexualität. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Homo- und Transsexualität – sie haben die gleiche Ursache. Die Inversion kann aber auch die „sexuelle Identität“ in zwei Abstufungen erreichen: der gegengeschlechtliche Charakter wird nur bei der konkreten Sexualität, dem Sexualcharakter im engeren Sinne des Wortes, angenommen, der „soziale Charakter“ dagegen bleibt cisgender. So entstehen all die vielfältigen „sexuellen Zwischenstufen“ (Freud) der TV-Mädels und lesbischen butches, der crossdresser, aktiven und passiven Schwulen und Bisexuellen, drag kings und queens, Teilzeit- und Zimmertransen, Strapon-Frauen … – das Spektrum ist nur schwer zu überschauen.

Sie kann aber auch den sozialen Charakter erreichen, den vollständigen gender, so daß es zur sekundären Transsexualität kommt, die Identität des Gegengeschlechtes vollkommen übernommen werden soll, wie bei den primären Transsexuellen auch.

Aber hier trifft der gegengeschlechtliche Sexualcharakter auf ein Über-Ich, daß vom gleichgeschlechtlichen Elter her gebildet worden ist. Sekundäre Transfrauen haben einen männlichen Über-Ich-Kern, Sekundäre Transmänner einen Weiblichen. Das flexibele, schwächere weibliche Über –Ich vermag diesen männlichen Sexualcharakter offenbar besser zu integrieren, als das starre „unerbittliche“ männliche Über-Ich der sekundären Transfrau den weiblichen Charakter.
Ich zitiere mich hier aus gegebenem Anlass selbst – aus dem obigen Beitrag über die cisgender:

„Das "unpersönliche" und "unerbittliche" Über-Ich prädestiniert den Mann zum Idealisten und Prinzipienreiter - sein Leitbild ist seine Pflicht, sein Ethos, welchen sich der Mann bereitwillig unterwirft bis zur Selbstaufopferung des Helden. Er geht grundätzlich mit dem Kopf durch die Wand - die Frau dagegen ist bestrebt, die Wand zu umgehen, "strategisch" zu handeln. Ihr Verhältnis zur Moralität ist entspannter - weitaus wichtiger als die Übereinstimmung mit abstrakten Werten ist ihr die Übereinstimmung mit, die Anerkennung durch ihre konkrete Umwelt. Während der Kopf des Mannes in den philosophischen Wolken schwebt, lebt die Frau im hier und jetzt. Der Mann sieht sich in der Verantwortung vor der Geschichte, die Frau sich in den Augen der Menschen um sich herum. Die männliche Art der Fortbewegung ist der Stechschritt des erzgeschienten Soldaten - dem die schlangenhaft lasziven Bewegungen der Tänzerin gegenübersteht, die sich weitaus eher für ihre Lust aufopfert, als für irgendeine abstrakte Pflicht, die doch nie wirklich die Ihrige ist.“

So entsteht offenbar bei vielen der sekundären Transfrau eine Dychotomie: das „Frau-sein“ wird mit typisch männlicher Bärbeißigkeit exerziert – Frau-sein ist für die Betroffenen keine Lust, sondern Pflicht, Dienst und ihr „go feminin“ wird zum preussischer Drill. Es wird das volle Programm in Anspruch genommen: von der Botox-Einspritzung über die Brustimplantate und selbstverständlich wird auch das Genital „korrigiert“. Mit männlicher Unerbittlichkeit soll alles Männliche ausgemerzt werden und obschon man selbstverständlich „schon immer“ Frau gewesen war, und zwar 100% Frau, will man immer noch viel fraulicher werden, strebt nach absoluter Perfektion. Das beste ist gerade gut genug – und wird nie erreicht, im Gegenteil: auch und gerade in der Fremdwahrnehmung bleiben diese bedauernswerten Transfrauen weit, weit selbst hinter den Transvestiten zurück, die sich lustvoll in ihre Fraulichkeit hineingleiten lassen, wie in warmes Badewasser und trotz Bartschatten, tiefer Stimme, flacher Brust und männlichem Genital auch von anderen viel eher als Frau wahrgenommen werden, als diese eckig-kantig-zackigen Transfrauen, die trotz aller höchst aufwendigen und leidvollen Maßnahmen schon auf 10 Meilen gegen den Wind als „Umgebaute“ wahrgenommen werden, wovon sie zutiefst beleidigt sind: gerade der von ihnen vehement verleugnete männliche Über-Ich-Kern ist es, der verlangt, als die 100%-ige Frau auch von anderen wahrgenommen zu werden, die zu sein ihnen ebenfalls ihr männlicher Kern aus dem Unbewußten einflüstert. Während primäre und sekundäre Transmänner, die mit unbewehrtem Auge kaum zu unterscheiden sind, auch die primären Transfrauen mit ihrem „trans-sein“ verhältnismässig offen umgehen können, sich als „Trans-Identität“ definieren können, erheben gerade die sekundären Transfrauen mit ihrem unauthentischen Habitus den Anspruch, „ganz normale Frauen“ zu sein – und auch mit diesem Anspruch müssen sie zwangsläufig scheitern, eben wegen ihrer Manieriertheit und dem Kerl, der immer dann durchbricht, wenn der Kanon der eintrainierten Verhaltensweisen irgendwie durchbrochen wird, etwas unvorhergesehenes passiert.

So werden diese sekundären Transfrauen nur allzuleicht zu unfreiwillig tragikomischen Travestien ihrer selbst, die wohl nicht selten tödlich enden: im Selbstmord der Verzweiflung – sie hatten doch wirklich alles 100% richtig gemacht, waren doch die perfekte Frau gewesen.

Sie werden aber auch zu aggressiv-passiven Narzissten, zu selbsternannten Feldwebeln, die aus der Trans-Szene ihren Kasernenhof machen und mit Argusaugen jede noch so kleine Abweichung von der Felddienstordnung totaler Weiblichkeit erspähen und mit typisch männlicher Unerbittlichkeit ahnden.Und selbstverständlich sind es gerade die primären Transsexuellen, die mit ihrer Transsexualität wesentlich entspannter umgehen, die Infantilen, die mit den Geschlechterrollen und deren Merkmalen spielen, die vielen dem Lustprinzip ergebenen sexuellen Zwischenstufen, die den gerechten Zorn dieser pflichtbewußten Transfrau-Feldwebel auf sich ziehen. Denn die Normkonformität ist für den aggressiv-passiven Narzissten oft die einzig verbliebene Quelle narzisstischer Zufuhr, jede Nonkonformität eine unerträgliche Beleidigung, auch wenn man selbst in keinster Weise davon betroffen ist.

Damit habe ich freilich das Spektrum der sekundären Transsexualität nicht erschöpft – ich bin psychoanalytischer Dilletant, als solcher Freudianer, habe keinen Überblick über die aktuelle psychoanalytische Literatur, beziehe mich auf meine Beobachtungen in der Trans-Szene, in der ich sehr randständig bin.
Der Widerspruch zwischen männlichem Über-Ich-Kern und weiblichem Sexualcharakter kann durchaus noch ganz andere psychische Folgen haben, als die hier beschriebenen – aber Spekulationen möchte ich mich hier nicht hingeben.
NikiLE
 
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