1.2.46 Leben ohne Wadenkrampf

1.2.46 Leben ohne Wadenkrampf

Postby JasminRheinhessen » Monday 20. February 2017, 17:45

Die Ampel ist rot. Warum ist diese verdammte Ampel jetzt rot.
16:52 Uhr.

Ihre Brüste, ein Traum. Warum hab ich ihr kein Kompliment gemacht. Kein richtiges.

Nicht dieses Gestammel.

Warum brauche ich noch diese Maske, dass ich ein starker Typ bin. Mist.

Grüner wird die Ampel nicht mehr. Ich konzentriere mich nicht mehr. Die Autos hupen.
Warum bin ich so durcheinander.

Jedesmal, wenn mir eine Frau nahekommt, kann ich nicht mehr klar denken.

Sie saß immer zwischen den Vordersitzen, warum hab ich sie erst gestern genommen, ausgezogen.

Warum hab ich dafür ein Jahr gebraucht, jede Woche ein Auftritt.

Mist - sie ist allein. So verdammt allein.

Wo kann man hier parken - ah hier drüben ist alles frei. Gut.

Soll ich schon hochgehen? 16:57 Uhr. Vielleicht will sie mich loswerden. Verkuppeln, damit ich nicht an ihr hängenbleibe?

Ein ärmliches Mietshaus. Mein Gott, wenn ich so abstürze, erschieße ich mich am gleichen Tag.

> Salammbo <

Ihre Klingel - nur dieser Name - eine Frau sagte sie. Shice - ich bin nervös - warum ist mein Puls so hoch?

Wo ist der coole Typ, der gestern noch Ms. Love so halbstark verabschiedet hat?

Nichts davon übrig. Nichts.

Ich möchte zu ihr- nicht zu dieser fremden Frau.

Warum schickt sie mich vor unserem Date zu ihr?

Seitdem ich mein Mädchen hab laufen lassen, weil ich zu feige war für sie einzustehen, ist mein Leben trist.

Das Taxifahren. Ja - das lenkt mich ab.

Nachts muss ich nicht das Leben der Normalen ertragen, die glücklicher sind. Die einen guten Job haben, Freizeit.

Ich träume nur noch. Tagsüber schlafe ich. Nachts spule ich meine Routen ab, bleibe ein Fremder, und doch für viele vertraut,
die ich jedes Wochenende in den gleichen Pub fahre, in die gleiche Diskothek, in den gleichen Club, ins gleiche Bordell.

Im Sommer, wenn die normalen Menschen am See liegen, sich freuen, Spass zusammen haben, liege ich tagsüber im Bett,
versuche in meinem überhitzten Zimmer Schlaf zu finden.

Warum mache ich das alles. Was suche ich überhaupt. Warum lebe ich?

Ich hab sie laufen lassen. Sie hat mich nur ausgenutzt. Ich konnte keinen Schritt machen, ohne dass sie ihn kontrollierte.
Mich erstickt, mit ihrer Liebe.

Wenn ich nicht Schluß gemacht hätte, hätte sie mich schon längst umgebracht. Aber jetzt bin ich auch tot. Nur auf eine andere Weise.

Ich schaue in die Strassen, setze den Blinker, beobachte die Ampeln und die Fahrzeuge, das Auto bewegt sich, aber ich bin tot.
Ein Taxi - gesteuert von einem Zombie.

Wasted Zombie.

Am liebsten hätte ich nie mehr meinen Mund von ihrer Brust genommen.

Nie mehr.

Warum hat sie sich nach hinten bewegt. Wo es gerade so schön war.

Sich von meinem saugenden Mund getrennt, von meinem Mund, der nach Lebensfreude, nach Liebe, nach Glück gelechzt hat.

Sie musste doch spüren, dass ich das gebraucht habe.

Wie auch. Ich war ja der coole sprüchgeklopfende Typ. Der sie gar nicht braucht. Der nur mit ihr spielt.
Ihr die Ehre gibt. So ein Mist.

Ich bin ihr verfallen. Oder bin ich meiner Trauer verfallen, und sie ist nur eine Flucht? Suche ich in ihr einen Trost,
ist sie eine Sucht? Eine Droge? Um mein Leben zu ertragen?

Jedesmal wenn ich sie gefahren habe, konnte ich die ganze Nacht nicht mehr entspannt fahren. Hatte hohen Puls.
War nervös. Tagsüber, nicht schlafen, wälzte mich im Bett, das hat oft 3 Tage gedauert. Und dann hatte sie wieder ihren Auftritt,
ich sah sie wieder. Und war wieder nur der coole Typ. Baby. Wie sie mich nennt.

Verdammt, sie hat mich schon geliebt, als sie mich das allererste Mal gesehen hat.
Sie hat mir in die Augen gesehn. Ganz lange, als sie eingestiegen ist. Es war ein Auftritt im Juli, ein Open Air Festival.
Sie spielte am Schluß. Als Hauptattraktion. Es war überwältigend, als bei ihrem letzten Lied die Windmaschine ihre offenen Haare nach hinten blies.

Sie ihren Kopf in den Wind streckte, ihren Oberkörper nach hinten beugte, als würde der Wind so stark sein, dass er sie fast umbläst.
Ihre Hände dabei auf den Tasten.

Der Songtext, den sie immer am Schluß singt, er erzählt wie sie einen See durchschwimmt im Sommer, bis ans andere Ufer und wieder zurück,
das Ufer war so weit entfernt, dass sie niemand mehr sah, wenn sie in der Mitte des Sees war.
Und dann, wenn sie zurückkommt und nackt aus den Fluten steigt, fragt sie ein junger Mann, der sich an der Stelle an der sie aus dem Wasser steigt gesonnt hatte, ob sie keine Angst hätte, einen Wadenkrampf zu bekommen, zu ertrinken. Sie sei doch älter.
Dann antwortet sie: "Das wäre nicht schlimm."
Der Mann sagt dann noch: "Das wäre so schade. Warum ist das nicht schlimm".

Ein trauriger Song. Er dauert fast 10 Minuten - viele Solis im Mittelteil. Die Zuschauer fiebern auf diesen Song hin - bei jedem Konzert.
Und bei jedem Konzert, wenn sie wieder auf der Bühne steht, wird sie wieder diese Antwort geben: Es ist doch nicht schlimm.

Ich möchte sie halten, wenn sie untergeht. Mit einer Yacht aufnehmen. Wärmen am Ofen. Ihr Freude geben.
Etwas zu trinken. Zu essen. Kann man Glück essen?

Virginia Woolf hätte die Frage verneint.

Vielleicht bin ich jetzt genauso wie meine Freundin die ich weggeschickt habe. Ich klammere. Kann nicht mehr alleine leben.
Wie auch? In dieser Welt können wir nur noch zusammen überleben. Ich war jung - dumm - vielleicht bin ich heute noch dümmer.

Frauen. Männer. So ein Quatsch. Es gibt nur eines - Liebe.


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"Self-portrait with Model"
1903
Lovis Corinth
Bildlizenz: Public Domain


weiter mit Kap. 1.2.47
http://www.freeyourgender.de/forum/viewtopic.php?f=555&t=1242



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eine weibliche Identität kann, muss sich aber nicht durch eine Vagina bestätigt wissen
http://www.freeyourgender.de

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