1.2.10 Geschlechterökonomie

1.2.10 Geschlechterökonomie

Postby JasminRheinhessen » Thursday 15. December 2016, 01:28

"Kommen Sie rein, Gordon", erwiderte Barton das dreimalige Klopfen an der Tür
seines großzügigen, zu einer Wohnung ausgebauten Büros.
"Ich war noch bei Stan, eine Unterredung, hast Du einen Drink?",
begrüsste Gordon den Doktor in gewohnt privater, aber diesmal auch nervöser Weise.

"Whiskey?"

"Ja - das ist genau das richtige jetzt, ist ja schon Mittags."

Barton wurde neugierig:

"Was habt ihr besprochen?"

"Stan war wieder mal sehr kryptisch."

"Ja? Dann waren es nicht die Börsenkurse, die er Dir analysiert hat",
spielte Barton auf Gordons wichtigstes Themengebiet an.

"Es ging um Isabell?

"Ja - natürlich, wir haben natürlich darüber gesprochen, was sonst Barton",
immer wenn Gordon an einem wunden Punkt getroffen wurde,
verließ er die Du-Form.

"Stan ist einer unserer besten Agenten, manchmal mag ich aber seinen Humanismus
einfach nicht mehr ertragen.", beklagte sich Gordon, während er sich einen
kräftigen Schluck gönnte.

"Stan? Humanist?", Barton lächelte unfreiwillig, das ist ein Treppenwitz GeeGee.
Barton nannte Gordon Green immer dann GeeGee, wenn dieser Emotionen zeigte,
was selten genug vorkam, um sich diesem Spitznamen bedienen zu können.

"Ich meinte, ja Du hast recht, nicht er, sondern seine Message war humanistisch,
ich hab sie Dir schon gesendet, wo ist Dein Laptop?",
Gordon schaute Barton nicht an, während er diese Frage stellte.

Natürlich war das eine Aufforderung, dass Barton nach seiner Nachricht sehen sollte.
Barton setzte sich an seinen Schreibtisch zurück, auf dem der Laptop lag,
klappte ihn auf.
"Ist es so schlimm Gordon?"

"Wenn es zu einer Anweisung wird, werden bestimmte Dinge unkontrollierbar."

Barton wußte, dass mit "bestimmten Dingen" nur die Märkte, ökonomische Strukturen
gemeint sein könnten, wenn Gordon von "Dingen" sprach.

Barton las nun, mit Neugierde die Zeilen, die Gordon ihm vor wenigen Minuten geschickt hatte,
er laß sie laut vor, sodass Gordon noch mehr in sich zusammensackte:

"Wenn ein Mensch sich Dir erklärt,
verbiege ihn nicht und sag ihm,
wie er sein soll -
diskriminiere ihn nicht -
sondern wertschätze
seine Besonderheit -
Nur dann kannst Du ihn komplett
sehen, erfahren und erfühlen -
Nur dann kann sich dieser Mensch
sich mit seiner Ganzheit
auch in Deine Welt begeben
und es wird kein Teil ausgeschlossen
von seinem Wesen,
das vielleicht etwas sehr wertvolles,
für Dich gewesen sein könnte."

"Interessant....", sagte Barton überlegend und ging zur Bar.

"Ist das alles was Du dazu sagst?", wurde Gordon emotional, fast aufbrausend.

"Hat das Stan aus sicherer Quelle? Wie weit wurde diese Anweisung schon an der Basis verteilt?",
versuchte Barton die Unterhaltung sachlich weiterzuführen.

"Stan gab unmissverständlich zu verstehen, dass er diese Informationen erst zu spät erhalten hat,
er gibt ungern Fehler zu, wenn er das tut, dann ist es ihm sehr wichtig.
Er wollte damit sagen, dass bereits die gesamte Basis seit langem so agiert,
wir müssen eine neue Strategie entwickeln."

Barton kam mit seinem Cognac zurück zum Schreibtisch.
"Neue Strategie? Du meinst etwas anderes als Medikamente?"

Gordon berichtigte sich: "Nein - meinetwegen Medikamente, mit neuer Strategie meinte ich
eher, wir müssen nachhaltiger vorgehen, strikt und ohne Kompromisse."

"Du meinst, die Methoden bleiben gleich, nur die Durchführung sollte sich verschärfen.",
Barton beugte sich weiter über den Laptop, als ober die Buchstaben der Nachricht
in sich aufsaugen wollte.

Dann antwortete er, als ob er die Antwort schon vor einer halben Stunde wußte, ganz in Ruhe
und entspannt:
"Ich werde Bellamore informieren, seine Excellenz hat, was humanistische Fragen betrifft,
doch ein gutes Händchen.
Und natürlich Braunstein, er soll Presseartikel kaufen, Braunstein hat einen sehr guten Draht zu den Medien."

Gordon war alles andere als zufrieden: "Barton, ich befürchte, wir brauchen zu lange,
es könnte eskalieren"

"Hast du Angst um Dein Geld?", wurde Barton sehr direkt.

"Herr Baron", wenn Gordon Baron sagte, war das immer ein Zeichen, dass es unentspannt wird.
"Natürlich geht es um "mein Geld", genauso wie um Ihre Klinik",
Gordon verharrte weiter in der Sie-Form, um die Dramaturgie seines Satzes zu unterstreichen.

"Natürlich...", antwortete Barton jetzt in seinen Sessel nach hinten gelehnt,
etwas versunken in Gedanken.
"Ich weiß was Sie meinen", antwortete er, maximale Energie einsparend,
da beide wußten, was diese humanistische Kampfansage für seine Existenz bedeuten würde.

"Hat Stan einen Plan geäußert, eine Lösung? Wie seid ihr verblieben?",
wurde Barton wieder konstruktiver.

"Stan hat noch etwas gesagt, Herr Baron, ja das hat er, er bat mich, es nicht zu Protokoll zu nehmen".

Barton beugte sich über seinen Schreibtisch, als ob jeder Zentimeter wichtig war,
den er näher an Gordon kam, der in einem der Sessel mitten in seinem Büro saß.

"Du kennst Stan sehr gut, ich habe auf diese Frage gewartet Baron,
Stan sagte mir ausdrücklich, und mit ernster Miene,
und wie Sie wissen, zeigt er selten Emotionen,
dass wir diese Selbstbestimmung nicht zulassen dürfen.
Um keinen Preis. Es gibt sonst kein zurück mehr."

Barton starrte auf sein Cognac-Glas, hypnotisierte den Cognac-Rest, der sich noch darin befand,
mit seinem Blick.

Dann begann er vor sich hinzumurmeln:
"Dass so etwas im Jahr 2076 passieren kann, unfassbar, mein Vater hatte mich immer gewarnt,
als er von seinem Großvater die Klinik übernahm, gab es keine Probleme.
Alles lief perfekt. Mit dem Feminismus sind wir fertig geworden. Intersexuelle hatten keine Lobby.
Aufschreie von Transmenschen wurden mit Gutachten und der Sexologen-Lobby hinweggefegt."

Gordon unterbrach jäh Bartons Stoßgebet: "Baron!, was soll dieses Selbstmitleid,
Sie haben die Macht, und sie werden Sie zu nutzen wissen. Ich werde alles was sie tun
legitimieren!"

Barton schaute ihn an: "Ja natürlich, GeeGee, wenn nächstes Jahr ein Regierungswechsel kommt,
wie wahrscheinlich wirst Du dann noch Staatssekretär sein?", schaltete Barton in den Privatmodus um.

"Dann hab ich Zeit zum Golfspielen...dann ist es... Aus.", wir haben daher nicht mehr viel Zeit,
wir müssen nachhaltige Gesetze in Form gießen, die jegliche reaktionäre Strömung im Keim erstickt."

"Seine Exzelllenz hat mir versichert, dass er die Wichtigkeit der systemischen Notwendigkeit der
Geschlechterfrage nachhaltig begleiten wird, er ist auf unserer Seite.
Braunstein wird uns finanziell unterstützen, er soll seine Ölbohrlizenzen verkaufen,
kannst Du Einfluss auf ihn nehmen, kannst Du ihn diese Woche noch überzeugen?",
richtete Barton die Frage an Gordon, zurückgelehnt, zusammengekauert,
wie ein Tier, dass man in die Ecke getrieben hat, um Gnade winselnd.

"Stans Sozialanalysen waren bisher immer zutreffend, wenn er diesmal wieder Recht behält,
müssen wir alles in Bewegung setzen, was uns möglich ist,
wir werden auch nicht davor zurückschrecken dürfen, das Einteilungsprinzip der Gesellschaft
wieder aufzugreifen, das vor sechzig Jahren herrschte..." Gordon starrte dabei vornübergebeugt
auf den Teppichboden.

"Du meinst androzistische Prinzipien?", Bartons Stimmlage war nun ein Zwischending, zwischen
Verzweiflung und Freude.

"Ja..., wir sind dazu gezwungen, traditionelle Rituale gibt es heute nicht mehr,
wir müssen das System daher mit anderen Mitteln wieder rückführen.
Eine Kosmologie schaffen, die wieder aus den Normen und Spielregeln gespeist wird,
die wir kontrollieren können."
Gordon hob nun seinen Kopf wieder und schaute Barton direkt an:
"Wir werden diese Verschiebung ins Chaos, und nichts anderes wäre das Eregbnis dieses Humanismus,
zu verhindern wissen"

"Ja Geegee, das werden wir", antwortete Barton leicht erregt,
während er seine rechte Hand im Schubfach seines Sekretärs hatte, mit seinen Fingern
das Buchcover von "Isabell" streichelnd.


weiter mit Kapitel 1.2.11
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eine weibliche Identität kann, muss sich aber nicht durch eine Vagina bestätigt wissen
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Re: 1.2.10 Geschlechterökonomie

Postby NikiLE » Friday 16. March 2018, 14:25

In den 90er Jahren gab es in den USA einen Fall von Geschlechterökonomie, der internationales Aufsehen erregte und auch in meinen damaligen Assistenten- und Referendarskreisen eifrig diskutiert wurde:

Ein schon etwas älterer Mann wurde schwer nierenkrank, benötigte eine Nierentransplantation, eine Organspende. Sein schon erwachsener Sohn, der seinen Vater sehr liebte, bot sich als Spender an, was eine ideale Lösung versprochen hätte: das Spenderorgan ist sofort verfügbar, "frisch", jung und aufgrund der genetischen Abstammung die Chance sehr gut, daß es vom Organismus des Empfängers angenommen wird.

Wie üblich, wurden vor einer solchen Operation sehr genaue Blut- und Gentests durchgeführt - mit dem verblüffenden, ja schokierenden Ergebnis: der junge Mann konnte unmöglich der biologische Sohn seines Vaters sein, die beiden waren nicht miteinander verwandt. Nun verhielt es sich so, daß der junge Mann aus irgendwelchen Gründen durch künstliche Befruchtung gezeugt worden war, in der Privatklinik eines sehr angesehenen Reproduktionsmediziners. Daß dort eine Verwechselung vorgekommen sein sollte, hielt man von vorneherein für ausgeschlossen und wandte sich ans FBI - Akte X, Mulder und Scally ermittelten diskret andere Patienten dieses Reproduktionsmediziners, überzeugten sie, ebenfalls entsprechenden genetischen Untersuchungen zuzustimmen, die dann Grundlage für einschneidendere, gerichtlich angeordnete Untersuchungen waren, die ein noch schockierenderes Ergebnis zu Tage brachten:

In über 1000 - in Worten: mäa wi duusnd - Fällen hatte dieser Reproduktionsmedizinern Frauen mit seinem eigenen Sperma befruchtet, statt mit dem ihrer Männer ! Er hatte über 1000 "leibliche Kinder" wie ein Kuckuck in fremde Nester gelegt!

Wie in den USA üblich, wurde dieser Zelot der Evolutionsbiologie zu 37x 99 Jahren (oder so) Zuchthaus verknackt - diese uns abwitzig anmutenden Verurteilungen zu tausenden von Jahren Zuchthaus haben ihren Grund im dortigen Rechtssystem: sie verhindern vorzeitige Begnadigungen und Teilnahme an Amnestien.

Der Fall warf enorme juristische Probleme auf, die wir damals eifrig auch am Lehrstuhl diskutierten. Es war schon schwer, nach bundesdeutschem Recht überhaupt eine einschlägige Strafvorschrift zu finden, einigten uns auf "schwere Körperverletzung in einem besonders schweren Fall" gegenüber den vorsätzlich falsch befruchteten Frauen. Die Vaterschaft dieser Kuckuckskinder war "anfechtbar" geworden, dh die betroffenen Scheinväter (im rechtlichen Sinne), konnten mit 100% Erfolgsaussicht die gerichtliche Feststellung beantragen, daß ihr nicht Vater ihres Scheinkindes sind mit der Folge des Erlöschens familien- und erbrechtlicher Rechtsbeziehungen. Umgekehrt konnten diese Kuckuckskinder die Vaterschaft jenes Kuckucksarztes feststellen lassen, hatten ihrerseits zivilrechtliche Ansprüche gegen diesen: Schadensersatz, Unterhalt, Erbansprüche. Reproduktionsmediziner verdienen ja nicht schlecht, ein bissl was für jedes Kuckuckskind dürfte wohl herausgekommen sein im Insolvenzverfahren, daß in den USA "Chapter 11" heißt ...

Kehren wir mal zum Ausgangsfall zurück - zu jenem jungen Mann, der seinen schwerkranken Vater so liebte, daß er ihm eine Niere spenden wollte. Einem Mann, der "im Rechtssinne" und nach unseren Denk- und Gefühlsgewohnheiten garnicht sein Vater war ! Was in den Seelen dieser Eltern und Kinder vorgegangen sein muß, wird tausende von Psychotherapeuten beschäftigt haben ...

Nicht nur Isabell hat sexuelle Macht - eine Macht, die grausam sein kann.
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Re: 1.2.10 Geschlechterökonomie

Postby NikiLE » Sunday 25. March 2018, 08:16

Verbrecher, die über ihre Verbrechen mit anderen Verbrechern reden, reden nicht über Verbrechen, sondern darüber, wie sie anderen Menschen, die ohne das geringste Verschulden in schwerste Not geraten, helfen können.

Sie verbreiten auch niemals Lügen - sie klären auf, kämpfen gegen Hetze, Hass und pöbelnden Mob, der von Verbrechern verhetzt worden ist. Sie wissen auch, daß sie "strafrechtliche Risiken" in Kauf nehmen müssen - das tun sie schweren Herzens. Sie sind schließlich gute Demokraten, loyale Staatsbürger, Ehrenmänner, godfellas. Aber sie bzw die Menschen, denen sie helfen wollen, ja helfen müssen, befinden sich in einer regelrechten Notwehrsituation. Sie würden liebend gerne anders, aber ihnen bleibt - leider, leider - keine andere Wahl. Sie opfern sich auf für ihre Mitmenschen, weil ihr Gewissen sie dazu zwingt !

"Herrgott ! Wenn die Männer vom 20. Juli jedesmal immer nur vorher ins Gesetz geguckt hätten, ob sie das auch dürfen, dann würde der Hitler heut' noch leben, und wir hätten immer noch Faschismus statt Demokratie, verdammt noch mal!"

Jawoll ! Genauso isses - und nicht anders !
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