
Meine Antwort an eine Gesprächspartnerin: Über „bunte Vögel“ und Missverständnisse
Im Mai 2025 führte ich eine Konversation mit einer Frau, die bisher nur auf Textebene stattfand. Missverständnisse sind hier vorprogrammiert, besonders bei sensiblen Themen, da nicht immer klar ist, wie ein Begriff gemeint ist. Konkret verwendete sie „bunte Vögel“ in Anführungszeichen, um Menschen außerhalb der Heteronormativität zu beschreiben. Meine Antwort möchte ich hier teilen – vielleicht habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht, und es hilft euch.
Hallo,
ich hatte eine Schreibblockade und konnte dir nicht antworten, weil mich dein Ausdruck „bunte Vögel“ am Schluss aufgeregt hat. Text ist schwierig – ich weiß nicht, ob du es als Zitat gemeint hast, die Anführungszeichen deuten darauf hin. Dennoch bleibt die Möglichkeit, dass du die Metapher „bunte Vögel“ nicht verurteilst. Allein diese Unsicherheit hat mich sprachlos gemacht, und es fiel mir schwer, diese Blockade zu überwinden. Trotzdem schreibe ich dir jetzt.
Warum entsteht so eine Spannung zwischen uns? Weil Menschen wie ich oft mit falscher Toleranz konfrontiert werden. Manche sagen: „Ja, jeder kann machen, was er will“, meinen aber eigentlich: „Lieber möchte ich mit solchen Menschen nichts zu tun haben.“ Text ist für mich nicht mehr ausreichend, um zu analysieren, was jemand wirklich meint – es gibt zu viele Interpretationsmöglichkeiten.
Deshalb schlage ich vor, auf eine andere Ebene zu wechseln, die echte Kommunikation ermöglicht, zum Beispiel Sprachnachrichten über Facebook Messenger. So könnten wir sensible Themen besser austauschen, ohne Missverständnisse. Die Stimme transportiert, wie ein Begriff gemeint ist. Ich würde mich freuen, wenn wir unseren Austausch fortsetzen könnten. Mit der Möglichkeit, unsere Stimmen zu hören, wäre das sicher fruchtbar, da du für mich eine interessante Gesprächspartnerin bist.
An die Menschen, die „bunte Vögel“ in negativer Konnotation verwenden (damit bist du nicht gemeint): Ich empfinde es als Verbrechen, dass Jungen ab einem bestimmten Alter bunte Farben vorenthalten werden, nur damit sie nicht als „außerhalb der Heteronormativität“ wahrgenommen werden. Das führt zu der Kleiderordnung, die wir heute sehen. Schau dich in der Welt um: Grau. Für Männer: grau, grau, grau.
Warum werden Farben mit Sexualität verknüpft? Ich kenne die Antwort: Es liegt am Patriarchat, das genaue sexuelle Verhaltensweisen für Männer und Frauen vorschreibt. Darin enthalten ist die Unterdrückung der Frau. Es darf keine Männer geben, die anders agieren. Hier setze ich einen Punkt.
Ich verstehe, wenn du auf Distanz bleiben möchtest – damit muss ich rechnen. Unsere Welt ist gespalten: zwischen Narzissten und Empathen, zwischen Patriarchat und einer freien, bunten Welt. Narzissmus und Patriarchat sind verwandt. In beiden finden sich Gewalt, Unterdrückung, Missbrauch und Gaslighting. „Bunt“ soll etwas Schlimmes sein – ein besseres Beispiel für Gaslighting gibt es nicht.
Liebe Grüße,
Sissi Jasmin

