Philosophische Positionslichter

Philosophische Positionslichter

Postby NikiLE » Saturday 7. April 2018, 10:55

Ich will ein Paar philosophische "Positionslichter" aufstecken - Markierungen, die erahnen lassen können, wo und wie ich mich philosophisch einordne.

Die Philosophie - das Denken schlechthin - unterteile ich immer noch nach dem einfachen Muster von Carl Jaspers, das ich im Studium kennengerlernt hatte. Er unterscheidet drei Denkschulen: Erkenntnistheorie, Existenzialismus und Pragmatismus.

Die Erkenntnistheorie geht davon aus, daß objektive Wahrheiten über die Welt aufgrund von ihr abgehobener Erkenntnisprozesse der Wissenschaft - "Wissenschaft schafft Wissen!" - möglich sind, die als Wahrheiten universellen Geltungsanspruch erheben können. Diese ausgesprochen männliche Geisteshaltung liegt der akademischen Wissenschaft zugrunde, ist heute im "wissenschaftlichen Zeitalter" zum Allgemeingut geworden. "Es ist wissenschaftlich erwiesen" hat heute dieselbe soziologische Bedeutung wie das "Es ist Gottes Wille" des Mittelalters. Das Wappentier dieser Geisteshaltung ist die Theorie. Und wenn die Theorie nicht mit den Tatsachen übereinstimmt: "Dann um so schlimmer für die Tatsachen!" (Hegel)

Der Existenzialismus geht von der Erschütterung aus, die große Katastrophen: Unglücke, Krieg, Seuchen, Krankheit und Tod im Menschen hinterlassen. Die poetischen Essays von Sartre und Camus sind durchtränkt von dem Gefühl, daß doch alles so sinnlos sei, so furchtbar sinnlos - und dem verzweifelten Versuch, dieser Sinnlosigkeit doch irgendwie noch eine Hoffnung abzuringen. Der Existenzialismus ist im Grunde die Philosophie der kastrierten Depressiven, ihr Wappentier ist der Selbstmord.

Pragmatismus ist, wenn denen alles egal ist. Die Pragmatikerin sieht sich von ihrem ganz konkreten individuellen Leben vor Aufgaben gestellt, die sie lösen muß, wenn sie nicht von den Problemen wie von einer Sphinx aufgefressen werden will. Gut ist, was nützt, was zur Bewältigung dieser Aufgaben beiträgt. Logische Schlüssigkeit, Wissenschaftlichkeit, Wahrheit, Demokratie, Werte, Menschenrechte ? Interessiert alles nicht, Fehlanzeige - die Pragmatikerin geht auch über Leichen, wenn's sein muß, wirft alle Werte über Bord. Mit frivolem Leichtsinn wühlt sie im Werkzeugkasten - dem "Organon" des Aristoteles - nach dem passenden Schraubenschlüssel und wenn sich keiner findet, wird einer erfunden oder passend gemacht. Das Wappentier dieser dezidiert fraulichen Denkschule ist die Praxis. Denn nur die Praxis ist die Richterin über das Denken.

Meine Polemik läßt es schon erkennen: ich nenne mich eine beinharte Pragmatikerin, bediene mich an der abendländischen Geistesgeschichte wie an einem kalten Buffet. Insbesondere von Wissenschaft und Logik halte ich nichts - "Tertium datur!" Das Gebot der Widerspruchsfreiheit wird zurückgewiesen. Logik funzt nur, wenn wir es mit eindeutigen Begriffen zu tun haben. a = a ist eindeutig wahr, a = b ist eindeutig falsch. Mensch = Mensch, Mensch = Gott - da geht's schon los: wann beginnt Mensch, wann endet er ? Die Väter der Virgina Declaration of Rights würden sich im Grabe herumdrehen, wenn sie wüssten, daß die Menschenrechte auf Domestiken und Lohnarbeiter, Soldaten, Bettler, Gaukler, Indianer, Neger und sogar auf Frauen Anwendung finden sollten - sie waren selbstverständlich nur die Ansprüche, die der grundbesitzende Gentleman gegenüber seinem König auch mit der Waffe in der Hand behaupten will und dies auch "rechtlich" darf. In der "homo-mensura-Lehre" wird der Mensch tatsächlich zum Gott, zum Herrscher der Welt.

Und überhaupt: Logische Erkenntnismöglichkeit ist beschränkt: in jedem zusammenhängenden System von Aussagen gibt es zumindest eine Aussage, die nicht nach den Regeln des Systems widerlegt oder bewiesen werden kann. Das ist dritte Gödel'sche Unvollständigkeitssatz, den mir Douglas Hofstatters: "Gödel - Escher -Bach" nahegebracht hat - eine Aussage von ungeheuerlicher Bedeutung, die dem wissenschaftlichen - auch dem "kritischen" - Positivismus den logischen Boden entzieht. Wissenschaft ist für mich: säkularisierte Theologie, ihr arkanisches Grundprinzip ist die Scholastik: es gilt, die Phänomene der Welt so zu erklären, daß die jeweils herrschenden Dogmen, die "Paradigmen" (Thomas S. Kuhn), die "Denkkollektive" (Ludwik Fleck) bestätigt werden. "Wissenschaftliche Erkenntnis" hat daher für mich keinerlei Autorität, ihr Wahrheitsanspruch wird schon philosophisch zurückgewiesen. Sie erfährt ihr Approbatur erst durch die Praxis.
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