Die Kerstin

Die Kerstin

Postby NikiLE » Monday 12. March 2018, 21:49

Heute nachmittag, als ich durch den Regen zur Bushaltestelle ging, fiel mir ihr Nachname ein. Seit Jahren hatte ich danach gegrübelt, mehrfach gegooglet und so ... aber "Kerstin" und "Soziologin" und "Saarbrücken" ... da purzeln Dir hunderte entgegen ... meine Kerstin war nie dabei. Heute ist mir ihr Nachname eingefallen, und mit dem phönchen habe ich sie sofort gefunden. Sie sieht so aus, wie damals - nur eine Brille trägt sie heute.

1993/94 - Uni Saarbrücken. Ich war Rechtsreferendar, Assistent, Lehrbeauftragter für Arbeits- und Sozialrecht am Soziologischen Institut, und im Wintersemester kam Kerstin in meine Übung. Sie war mir wohlbekannt gewesen, studierte Soziologie. Die ganze Uni kannte Kerstin, die Kampflesbe vom Schwulen- und Lesbenreferat vom AStA, Fachschaft und was weiß ich. Keine Demo ohne Kerstin ! Und nun saß sie vor mir in der Einführungsstunde und wollte wissen, wie ich zum feministischen großen "I" stünde, den Arbeitnehmerinnen, Arbeitgeberinnen, BetriebsrätInnen ...

Pffft ... Ich war dagegen, weil das große "I" in der Wortmitte eine Lesestörung darstellt, Lesepsychologie blablabla, nein Kerstin, ich bin noch nicht fertig. Ich bin auch gegen Arbeitnehmer_ininen, weil: ich versuche, Euch hier Jura beizubringen, in zwei speziellen Fächern. Das soll Euch befähigen, Juristen zu überzeugen. Wenn Du in der sozialen Arbeit bist, und für einen Klienten sagen wir mal einen Widerspruch gegen eine Leistungskürzung einlegen sollst, ist Deine Aufgabe, die Leistungskürzung wegzukriegen. Deine Aufgabe ist es nicht, Politik zu machen. Du weißt nicht, wer Deine Schriftsätze lesen wird: der Sachbearbeiter, die Widerspruchsbehörde, das Sozialgericht, das Landessozialgericht. Wenn Du es dort irgendwo mit einem Chauvi zu tun hast, hast Du ihn gegen Dich mit Deiner feministischen Schreibweise und damit auch gegen den Menschen, der Dir seine Not anvertraut hat. Damit hast Du als Juristin versagt. Und deswegen bestehe ich auf Schreibweise nach Duden. Ich will Dir ein scharfes Schwert in die Hand geben, Dir helfen, daß Du Dir nicht von den Juristen die Butter vom Brot nehmen lässt. Ich kann es nicht verhindern, wenn Du dieses Schwert sofort wieder auf dem Stein Deiner Frauenpolitik stumpf schlägst, wenn Du in die Praxis gehst. Aber solange Du hier in meiner Übung sitzt, werde ich das verhindern.

So in etwa sprach ich zu ihr. Sie sah mich mit großen, weit offenen Augen an, durchaus nicht feindseelig: diese Argumentation hätte sie noch nie gehört, ob ich sie auch der Fachschaft gegenüber vertreten würde. Das habe ich dann auch getan und erhielt die offizielle Genehmigung der Fachschaft, auf die Duden-Schreibweise zu bestehen ...

Das war der Anfang einer wundervollen didaktischen Lehrer-Schüler-Beziehung gewesen. Die Kerstin ist mitgegangen, wie nie jemand zuvor in meinen Übungen, war fast jede Woche bei mir in der Sprechstunde und hat mich auch dort "gegrillt". Oft habe ich die Übung nur für die Kerstin gehalten, mich für die anderen Studies garnicht mehr interessiert ... und irgendwann sah ich dann die Kerstin mal in der juristischen Seminarbibliothek ... ich hab mich sowas von gefreut ...

Sie hat 4 Übungen bei mir besucht und es war eine sau schöne Zeit, wenn ich die Kerstin bei mir in der Veranstaltung hatte ... aber trotzdem war da immer so eine Feindseeligkeit ... sie sah mich immer an, wie aus Schießscharten ...

In diese Zeit fiel mein Bi-coming-out, gepusht durch die Assistentenkollegin vom soziologischen Institut, die meine Geliebte gewesen war, schon länger polygam-bisexuell lebte, mich ermunterte ... und so war ich dann einige Male, immer wieder, öfters, regelmässig an meinem ersten "Baggersee" ... und dann, eines Sommers ... ich hatte mich grade mit irgendeinem Typen in den Büschen verlustiert gehabt, jumpte fröhlich zu meinem Handtuch zurück, da saß dann ein paar Meter jemand neues ...

die Kerstin - nackisch. Wir haben uns erst mal angeglotzt, wie blöd, dann hat mich die Kerstin fröhlich angelacht. Ich war nicht fröhlich, nickte ihr nur kurz zu, schnappte meine Klamotten und floh.

Ich hatte wahnsinnige Angst vor einem Zwangsouting. Die Juristerei ist extrem konservativ, befürchtete sogar, man würde mich im Assessorexamen, daß ich noch vor mir hatte, "rausprüfen" - und wie würde mein Professor reagieren ? Ich sprach mit meiner Assistentenkollegin-Geliebten - sie war immerhin Assistentin am Lehrstuhl für Frauenforschung. "Soll ich mit der Kerstin mal reden? Wir (die Frauenforscherinnen) stehen hinter Dir !" Ich sprach mit der Frau meines Professors, die zur "Lehrstuhlfamilie" gehörte. "Es ist gut, daß Sie mit mir gesprochen haben. Meinem Mann sagen Sie besser mal nix. Wenn wirklich was ist, ich bin immer für Sie da, ich klär das dann, machen sie sich keine Sorgen !"

*Schweissabwisch!*

Es geschah auch nichts. Auch mich selbst hat die Kerstin nie angesprochen auf unsere Begegnung am "Baggersee" - es fiel nie ein Wort darüber. Aber ihr Blick war auf einmal nicht mehr wie aus einer Schiesscharte, sondern offen, herzlich, warmherzig. Selbst als sie mir mal bei irgendeiner dieser Demos höchstpersönlich den Zugang zum Campus verweigerte, haben wir uns gegenseitig angelacht.

Bei ihren Diplomprüfungen habe ich die Klausuren korrigiert - "1+", voll verdient. Bei ihren "Mündlichen" war ich Beisitzer. Mein Professor nahm die Soziologen nie wirklich ernst, aber wie er die ersten Antworten von meiner Kerstin bekommen hatte, ist er auf einmal wach geworden, auf seinem Sessel nach vorne gerutscht, die Ellenbogen auf den Knien und hat angefangen, scharf zu schießen. Auch die Kerstin hatte die Ellenbogen auf den Knieen und zurückgeschossen. Mein Prof hat sie regelrecht gegrillt und bei jeder Frage hatte ich Angst. Einmal habe ich gesehen, wie ein einsamer Schweisstropfen über die Schläfe von der Kerstin lief. Aber sie hat nie gestrauchelt, war topfit, es war eine Wonne, danebenzusitzen. "Sie sind mit weitem Abstand die beste Soziologin, die ich je geprüft habe !" sagte mein Prof am Ende und ich hätte beinah in die Hose gespritzt, so glücklich war ich gewesen.

Die Kerstin war eine dieser ungeliebten Lieben meines Lebens, an die ich so oft gedacht habe ... auch meine Liebe zur Kerstin war eine lesbische Liebe gewesen ... ich wäre ihr so gerne die Frau gewesen ... Als ich mich selbst analysierte, hat auch die Kerstin eine Rolle gespielt und in meiner Phantasie habe ich diese Liebe dann zugelassen ...

Immer wieder habe ich nach ihr gesucht im Netz, heute habe ich sie gefunden, mich an ihren Nachnamen erinnert.

Es geschehen wundersame Dinge, seit ich hier bin !
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Re: Die Kerstin

Postby JasminRheinhessen » Thursday 15. March 2018, 12:42

Du musst sie unbedingt kontakten, ihr müsste euch austauschen, die Geschichte muss doch weitergehen.
Hat Kerstin ihr Wissen über Soziologie, über sich selbst, ihre Sexualität all das, für sich nutzen können,
ist sie heute glücklich?
Oder hängt sie an einem Problem fest, das ihr die restruktive Sexualität unserer Gesellschaft auferlegt,
so wie es bei Dir war, als Du sie am Baggersee sahst, diese Begegnung nicht in einen schönen Nachmittag
verwandeln konntest? Ja - ich weiß wer daran schuld war, das Patriarchat, das uns aufzwingt, wie wir zu sein haben.
Es ist ein faschistoides Moralsystem. Kein Entkommen. Wer sich nicht daran hält. Fliegt raus.
eine weibliche Identität kann, muss sich aber nicht durch eine Vagina bestätigt wissen
http://www.freeyourgender.de

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Re: Die Kerstin

Postby NikiLE » Friday 16. March 2018, 00:40

Du, Jasmin, ich weiss es nicht, ob ich sie kontakten "muss", ob es gut wäre. Letzten Frühherbst hatte ich meine "Frauenforscherin" wieder getroffen - die Initiative war von ihr ausgegangen, nach einer über 3 Jahre alten mail von mir an sie. Es war gut, daß ich mich mit ihr getroffen habe, aber diese Wieder-Begegnung war total ... es waren Dialoge wie in einem Woody-Allen-Film, Stadtneurotiker, Interiors, Manhatten Murder Mystery ... es hat auch keinen weiteren Kontakt mehr gegeben, wird auch keinen mehr geben. Unsere Leben haben Richtungen genommen, die nicht mehr kompatibel sind.

Soll ich so ne Frustgeschichte nochmal anpacken ?

"Meine Kerstin" lebt ein anderes Leben. Sie reitet das Pferd, auf das ich ihr damals raufgeholfen habe, immer noch, berät Betriebsräte für irgendsone halbstaatliche, halbgewerkschaftliche Organisation ...

Du, ich weiß es nicht, echt nicht. Aber ich muß das ja auch nicht jetzt gleich entscheiden - ?!

Auch wenn ich in meiner Phantasie diese Liebe zwischen mir als Dozenten und Kerstin als Studentin zugelassen habe - "real" ist sowas nicht nur eine Straftat, sondern auch inzestuös, eine Re-Inszenierung von Inzest-Geschichten. Da wäre nix Gutes draus geworden.

Aber ich werfe mir vor, mich nicht zu ihr gesetzt zu haben, auf eine Zichte oder zwei. Hallo Kerstin, Du auch hier, bist Du auch am Schwänze pflücken ? Hihi ... Du Kerstin, ich bin Dein Dozent, werde Dein Prüfer im Diplom sein ... das ist jetzt so ne Sache ... komm her, lass uns mal in der Arm nehmen ... aber mehr geht nicht, echt nicht, es wäre nicht gut. Nenn es spiessig, Kerstin, aber es gibt gewisse Regeln, die man besser einhält ...

Aber so ein Gespräch hätte vielleicht der Anfang einer wunderbaren Freundschaft sein können und nach ihren Diplomprüfungen hätten wir uns dann wohl getroffen, ordentlich einen gezwitschert in so ner alternativen Kneipe und wir hätten uns vielleicht befummelt und geknuscht und die Kerstin hätte vielleicht gesagt: "Du - Du bist jetzt kein Dozent mehr von mir, komm, lass uns zu mir gehen und dann rauchen wir einen zusammen und dann machst Du mir die Frau !!"

"Ach!" (Loriot)
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