Bacchus

Bacchus

Postby NikiLE » Sunday 11. March 2018, 19:52

Ich wollte gerne als erstes eine kleine Bacchus-Statue aufstellen - aber ich habe urheberrechtliches Muffensausen, und lasse es lieber. Der geneigte Leser wird gebeten, "Bacchus Antike" zu googlen. Die "Antike" ist wichtig, weil in späteren Darstellungen aus christlichen Epochen Bacchus auf den Gott des Weines reduziert wird und nur noch Darstellungen von Säufern zu sehen sind. Ganz falsch ist das aber nicht, auch der antike Bacchus hat gerne einen gezwitschert, aber eben nicht nur ...

Bacchus ist der lateinische Name für den griechischen Gott Dionysos, den Gott der Lust, des "Lustprinzips", das sich über alle sozialen und sittlichen Normen hinwegsetzt. Im antiken Griechenland gab es im 3. Jhrdt v. Chr. einen Dionysos-Kult, der auch nach Rom überschwappte. Griechenland war in der Antike ein kulturelles Mekka, so wie im 19. Jahrhundert Frankreich und Paris. Jeder, der auf sich hielt, mußte mal dort gewesen sein, einige Wochen und Monate verbracht haben.

Dieser Dionysos-Kult, aus dem in Italien eben der Bacchus-Kult wurde, bestand im wesentlichen in totaler, völlig ungehemmter Auslebung der Triebe. Das hört sich ja recht geil und sympathisch an: fressen, saufen, kiffen (Cannabis wurde in der Antike oral aufgenommen, meist in Wein aufgelöst, wurde auch als Narkosemittel benutzt) bis zum Anschlag, rudelbumsen jeder mit jedem - die Antike war bi-normativ ... why not ? Aber auch die destruktiven Aggressionen wurden genauso hemmungslos gelebt. Man zerfetzte Tiere bei lebendigem Leibe, Selbstverstümmelung, Kannibalismus sollen vorgekommen sein bei den "Bacchanalien" - der ursprüngliche Bacchus-Kult war also nicht nur mega-geil, sondern auch ziemlich blutrünstig. Die römische Republik, an für sich sexuell wie religös sehr tolerant, sah sich das nicht lange mit an, zumal diese "Bacchanalien" immer mehr um sich griffen - da griff die Republik durch, um 200 v.Chr. kam es zu den Baccanalienprozessen, bei denen ca. 1000 (!) Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt wurden. Es war die erste große religiöse Verfolgung in historischer Zeit. Sie ist gut dokumentiert, weil man die Prozeßakten über 300 Jahre später wieder auskramte und als Vorlagen für die ersten Christenverfolgungen benutzte.

Zu einem Wiederaufleben des regelrechten Bacchus-Kultes und blutrünstiger Bacchanalien ist es nie mehr gekommen, aber Bacchus hat in der klassischen Antike trotzdem eine modifizierte Renaissance erlebt, eben als Symbol der Lust: "Orgien ! Orgien ! Wir wollen Orgien!" Auch die klassische römische Antike, die man meist von 100 v. Chr. (Geburt Julius Caesars) bis zu den Antoninenkaisern ca. 150-200 n.Chr. datiert, war sexuell sehr offen. Man war bi, lebte zwar in Paarbeziehungen, aber "maßvoll promiskuitiv". Homosexuelle Beziehungen waren nicht ungewöhnlich, einige Caesaren waren schwul. Heterosexualität wurde verlacht, Heteromänner galten als femininisiert und verweichlicht - genau reziprok zum 20. Jahrhundert, als man Schwule generell als "tuntig" wahrnehmen wollte. Die schwarze Seite der Medallie: die römische Antike war erzpatriarchalisch gewesen.

Aber es geht hier ja um Bacchus ! Kaum eine andere Figur ist so oft in Fresken, Reliefen, Büsten, Mosaiken und Statuen abgebildet worden wie Bacchus - das damalige Symbol der Lust. Der Trinkkelch gehörte dazu, wie auch sein mit einem Pinienzapfen gekrönter Stab - ein Phallussymbol. Der Kelch könnte ein Vagina-Symbol sein, aber sicher bin ich mir da nicht. Bacchus wird stets nackt oder leicht bekleidet - "in Dessous" dargestellt, in lasziven Posen. Er wird oft von einer Gruppe beschwipster, bekiffter, aufgegeilter junger Frauen begleitet und eingerahmt. Und jetzt wird es eigentlich erst richtig spannend: Bacchus selbst - wie sieht er aus ?

"Unsere bratenröckigen Historikerseelen" (Arno Schmidt) stammeln meist hilflos vom "bartlosen Jüngling" - aber das ist total daneben. Bacchus ist androgyn, aber durchaus nicht im Sinne der magersüchtigen Körpermode des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Er hat kleine Titten, große Brustwarzen mit deutlich errigierten Nippeln, einen weichen, sanft vorstehenden Frauenbauch, nur wenige, kaum sichtbare "Muckis". Sein Gesicht ist feminin, er lächelt, der Mund ist zum Kuß geöffnet, die Frisur ebenso sehr weiblich. Das einzig männliche sind Penis und Hoden, die meist nicht sehr groß sind.

Würde so eine Bacchus-Statue heute lebendig werden - jeder Gutachter würde sofort die Personenstandsänderung befürworten, wenn Bacchus sie denn beantragen würde. Aber ich glaube, das würde Bacchus niemals tun, denn: er ist das dritte Geschlecht - und das ist: mein Geschlecht, meine sexuelle Identiät.
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Bacchus und Venus

Postby NikiLE » Sunday 11. March 2018, 20:26

(Blöd, daß man hier nicht editieren kann, but nobody is perfect, auch FYG nicht ...)

Bacchus war in der Antike das Symbol der Lust gewesen, wie es heute die Venus ist. Die Lust war damals männlich gewesen, die Endung "-us" ist meist männlich im lateinischen, Venus eine der wenigen, aber tiefenpsychologisch hochinteressanten Ausnahmen. Heute ist die Lust weiblich. Der antike Bacchus war das Pin-up-Girl der Antike gewesen und hätte es in der Antike Pornofilme gegeben, wäre "Bacchus" wohl der Hauptdarsteller, das Sexsymbol, das Sexobjekt - wie heute die weiblichen Porno-Queens.

Übrigens wird auch Bacchus auf den antiken Darstellungen öfters von notgeilen alten Säcken begrabscht wie heute die Venus-Darstellerinnen. Der heutige "alte Sack" ist der "bärtige "Satyr" der Antike. Bacchus läßt sich das aber gerne gefallen. Eine befreite, eine freie Lust sieht dergleichen nicht so eng - vor allem, wenn was rumkommt dabei ...

In dieser Verschiebung des Sexsymbols vom antiken männlichen Bacchus zur aktuellen weiblichen Venus zeigt sich auch die kulturelle Relativität dessen, was wir stets als "männlich" oder "weiblich" ansehen ... ansehen wollen.

Und zu allerletzt noch ein Paar Quellen:

Paul Veyne: Das Römische Reich in - Ariès/Duby: Die Geschichte des privaten Lebens, Bd 1; zum Bacchus-Kult: Mircea Eleade: Geschichte der religiösen Ideen
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Re: Bacchus

Postby Freeyourgender » Thursday 15. March 2018, 11:46

Editfunktion: Leider nur möglich, wenn Du in Deinen persönlichen Eintstellungen deine Sprache von deutsch auf englisch änderst,
dann erscheint auch der EDIT-Button und Schaltflächen wie auch Forenmenü sind dann in englisch.
In der deutschen Version fehlen leider einige Buttons, u.a auch der wichtige EDIT-Button.
Vor dem Absenden Deines Textes ist es gut, wenn Du ihn kurz mit STRG-A markierst und mit STRG-C in den Tastaturspeicher nimmst,
falls nach dem Absenden, was öfter vorkommt, das Forum ein neues Einloggen will, kannst Du Dich neu einloggen,
und dann mit STRG-V den Text wieder, in das leider dann wieder leere Textfenster, einfügen.

Bacchus:
Ohja - ein sehr schöner Artikel für diese hermaphroditeartige Bacchus-Figur, in einer Zeit, in der das dualgeschlechtlichheteronormative
Geschlechterbild weniger restriktiv war, wie heute.

In dieser Darstellung aus dem 17. Jhd, wird die Geschlechtergrenze bereits wieder stärker hervorgehoben,
Bacchus, wie Du oben auch beschrieben hast, auf eine Figur reduziert, die sich eher den Frauen, dem Trinken widmet,
selbst aber mehr in der männlichen Rolle verharrt, die Geschlechterabgrenzung, die vom Patriarchat benötigt wird,
ist hier deutlich zu sehen, das Christentum hatte hier in Europa diese Abgrenzung auch zementiert.

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"Bacchus on a Throne − Nymphs Offering Bacchus Wine and Fruit " - 1658
Caesar Boetius van Everdingen
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