1.2.61 Brotlos oder gebrochene Herzen

1.2.61 Brotlos oder gebrochene Herzen

Postby JasminRheinhessen » Monday 6. March 2017, 02:36

Das Problem dieser Welt ist doch ganz einfach,
Männer denken sich, sie hätten Zylinder, Stock und Frack verdient,
wo die Welt nur einfache Mützen für jeden bereitstellt, um das Haupt warmzuhalten.

Isabell spürte die kalte Abendluft an ihren Schultern, die von ihrem dünnen Jäckchen,
dass Hermine ihr noch umgeworfen hatte, kaum gewärmt werden konnten.

Verhaftung von Herrn Professor. Eine Verhaftung stellte sie sich gerade vor,
aber das konnte sie nicht wärmen. Die Situation wäre fatal. Man würde eher sie ins Zuchthaus stecken,
als diesen Herrn. Fräulein oder Weiber, waren Vogelfreie oder Sklavinnen.

Aber war es nicht Verrat, nichts zu tun? Ihre eigene Sicherheit höher zu bewerten?
War das nicht Egoismus? Sollten nicht alle Frauen zu Märtyrerinnen werden?

Dieser hochbegabte geniale Mensch. Wieviel Medaillen, Orden und Preise er bekommen hat.

Von Seinesgleichen.

Isabell war noch nicht am Brunnen angekommen, als sie ein Wimmern hörte.
Da weint jemand!

Sie fing an zu laufen, ließ den Topf wieder fallen. Laut schepperte es auf den Steinen des Weges.

"Wo bist Du? Wo bist Du?"

Rief sie außer Atem, als sie sie zusammengekauert hinter dem Brunnen sah.

"Anna! Anna! Dein Kleid, alles zerrissen, wie lange bist Du schon hier! Du bist ja ganz kalt!
Du holst Dir den Tod!"

Anna konnte ihr tränenüberströmtes Gesicht nicht heben, sie war wie in einem Krampf.

"Der Professor...", schluchzte sie "Der Professor..., der Professor..."

Sie konnte nicht weitersprechen, brachte nur seinen Namen über die Lippen.

Isabell wußte sofort, was passiert war, er hatte dieses junge Ding einfach benutzt,
ihr ihren Stolz, alles genommen. Aus Angst davor, davongejagt zu werden, hat sie sich nicht gewehrt.
Und jetzt, jetzt bricht sie zusammen. Kann das Erlebte nicht mehr verschmerzen. Kommt alles über sie.
Wie eine Sintflut, die sich über sie ergießt, und sie zu ertränken droht.

"Ich bring mich um.... Ich bring mich um....", wimmerte Anna, und fing noch lauter an zu schluchzen,
die Anwesenheit von Isabell schien ihren Schmerz noch einmal zu verstärken, noch einmal mehr ihr wieder bewußt werden zu lassen.

"Anna, komm, Du musst aus der Kälte, komm Anna!" Anna war nun zumindest bereit, einen Arm um Isabell's Schulter zu legen.
Anna kam nun etwas hoch, ihre Beine waren schwach, Isabell zog sie mit ihrer ganzen Kraft nach oben, auf ihre Füße.

"Komm Anna, komm. Schnell ins Haus!"

Isabell warf den Arm von Anna über ihre Schultern, und zog Anna wie einen Sack Kartoffeln auf dem Rücken
tragend, halb schleifend hinter sich her, Anna krallte sich mit ihrem anderen Arm an Isabell's Schultern fest.

"Komm Anna, benutze Deine Beine, ich kann Dich nicht tragen, versuche zu laufen. Komm!"

"Tausende Gulden, die ich hier verdienen würde, würden es nicht aufwiegen können,
was ich ihm heute bezahlt habe.", klagte Anna wehmütig, sie konnte nun schon wieder sprechen,
Isabell konnte sich nicht entschließen, ob sie sich freuen sollte, darüber, dass Anna ihre Stimme wiederfand,
oder ärgern, über den Vorfall, über den sie ihre Stimme verloren hatte."

"Beruhige Dich Anna, wir sind gleich da. Beruhige Dich!"

"Meine Güte! Du lieber Himmel! Kinder!", rief Hermine schon von der Haustür hinaus in die Nacht.

Anna wurde nun von Isabell und Hermine in die Küche bugsiert. Direkt vor den Holzofen.

"Gut, dass es heute abend nicht geregnet hat, ihre Sachen sind zumindest noch trocken,
Isabell, schnell hinaus, hol Wasser, wenn der Professor seinen Tee nicht bekommt, schöpft er Verdacht!"

Isabell rannte nun wieder hinaus, diesesmal fror sie nicht mehr, sie war erhitzt,
musste nun aufpassen, dass sie nicht durch ihren Schweiß sich eine Erkältung zuzog.

Der Topf, hier liegt er, nun schnell das Wasser. Ein Drittel voll genügt, dann ist er schneller heiß.

Isabell spürte, als sie den Topf trug, den Schmerz zwischen ihren Beinen, in ihrem Schoß,
als ob sie die Gewalt des Professors hätte ertragen müssen. Sie fühlte wie Anna,
als wären sie in ihrem Schmerz verbunden.

Sind alle Menschen in ihrem Schmerz verbunden? Oder nur manche? Nur die, die sich lieben?

"Schnell Isabell, ich hab schon Holz nachgelegt, hierher mit dem Topf, hoffen wir, dass er nicht ruft!"

Isabell stellte den Topf auf den Herd, und holte schon den Tee und die Tassen herbei,
um diese vorzuwärmen.

"Eine Frau in dieser Welt, dass will verdient sein, Anna, ob mit Freude oder Leid, danach fragt das Mannsbild nicht."

Hermine suchte allerlei wärmende Jacken und Decken herbei, die sie alle um Anna herumwickelte,
die wie in einem Kokon nur noch mit den Augen aus den Stoffen herausschaute.

Als das Wasser schon etwas Temperatur hatte, goß Isabell schnell eine Tasse halb voll.

"Komm Anna, trink!, Du brauchst Wärme!"

Isabell setzte die Tasse an Anna`s Mund, der sich langsam öffnete und sie begann langsam zu trinken.

"So ist es gut. Schön trinken. Alles leermachen".

"Sie wird wieder. Sie schafft das.", beruhigte Hermine die Situation.

"Komm Isabell, sie muss aus der Küche. Wenn der Professor es mitbekommt, dass wir etwas wissen...
Wir müssen sie in die Kammer schaffen. Ich hab sie heute schon nachmittags eingeheizt. Es ist alles warm."

Hermine und Isabell rechts und links von Anna, liefen die drei aus der Küche durch den Flur zur Kammer,
die sich auch im Erdgeschoss befand. Darin stand ein Bett, ein Schrank, eine kleine Anrichte und eine Kommode.
Ein kleiner Spiegel sorgte für das Gefühl, dass es sich um ein Herrenhaus handelte.
Der Spiegel, der jetzt eine verheulte Anna zeigte, die aber trotzdem noch wunderschön war,
als würde sie mit ihrer Schönheit die Welt bezahlen müssen.

"Warum sagt der Spiegel nicht endlich ja? Warum spricht der Spiegel nicht weiter?
Die Situation ist ja unmmöglich. Warum sagt der Spiegel nichts?"

"Hermine, sie ist verwirrt, sie wird heute nicht allein schlafen, ich bleibe bei ihr.
Hermine, möchtet ihr.... den Tee? Ihren Gatten bringen? Ich kann sie nicht allein lassen."

"Ja mein Kind. Ich sag ihm, dass Dir nicht gut war, und dass ich Dich ins Bett geschickt habe,
das wird ihn nicht mißtrauisch stimmen. Junge Mädchen haben immer mal ewas unpäßliches."

Isabell umarmte Hermine wie vorhin, als sie das erste mal losging, um Wasser zu holen.
Küßte sie auf ihre Wange und dann auf ihren Hals, obwohl sie das kompromittieren würde,
in normalen Dingen, wenn Anna es sah. Aber unter diesen Bedingungen, gab es keine Etiquette mehr.

"Danke Hermine. Ich werde sie umsorgen, sie wird morgen wieder bei sich sein."

"Womit hab ich so eine Dienstmagd verdient. Welch ein Glück des Himmels."
Hermine schaute noch einmal auf die beiden, bevor sie leise die Türe schloß,
nicht vergessend vorher noch zu sagen, wo sich noch Käse und Brot, und etwas Wein befand,
damit die Nacht nicht zu lange werden würde.

Arme Anna, dachte Isabell, als sie das dicke Federbett hochlegte, um Platz für das Mädchenbündel zu machen,
dass auf dem Stuhl neben dem Ofen kauerte. Er hat ihre Schwäche genutzt, sie war noch nicht so stark wie sie.
Dieser Jammer. Was für ein Mensch. Ist er überhaupt ein Mensch?

Es muss ja sein, es muss ja sein, dass Männer Frauen vergewaltigen. Nicht wahr? Dann fühlen sie sich stark,
und männlich, und der Glaube, sie würden die Schüchternheit einer jungen Frau mit ihrer Gewalt überwinden,
bestärkt sie noch in ihrem Tun. Welch' besseres Alibi für ihr Greuel konnten sie sonst finden?

Das Wörtlein Schüchternheit und wenn sie Nein sagt, meint sie Ja, so geht die Männergewalt ihre Wege.

Welche Freundin hat die Männergewalt? Das Stöhnen der Lust oder das Stöhnen des Schmerzes?

Ist es diesen Männern gleich?

Welch geistiger Niedergang hat dies zur Folge?

Oder war der Geist der Männer nie so hoch? Dass er einen Verlust erleiden könne?

Zum Wohle der Frau, hat er sich auf sie gestürzt.

Isabell nahm Anna an der Hand und führte sie zu ihrem Bett, sie lief jetzt schon besser und war gefasster.
Das warme Wasser und die warmen Decken haben sie wieder zum Leben erweckt.

"Komm mein Kind, komm, hier ist es warm, leg Dich zu mir"

Isabell zog Anna ins Bett, in das sie sich vorher gelegt hatte. Die Schnürschuhe von Anna öffnete sie,
als Anna neben ihr lag, das war leichter, sie zog ihr die Stiefelchen aus, erst den linken, dann den rechten,
legte sie an das Fussende, damit sie morgens nicht so kalt waren, wenn sie wieder reinschlüpfen musste.

Dann zog sie Anna ganz an sich, das dicke Federbett deckte nun beide zu und Isabell lag an Anna's Rücken,
die sich seitlich gedreht hatte, und nun langsam Entspannung fand.
Isabell legte ihre beiden Hände um Anna's Bauch, hörte ihre Atmung und streichelte sie langsam über ihr zerrissenes Kleid,
dass sie anbehalten hatte, ja, jetzt beruhigte sie sich, ich muss sie nur festhalten.

Isabell drehte sich kurz nach hinten, um die Kerze auszublasen, um sich dann schnell wieder an Anna's Rücken
zu kuscheln. Sie festzuhalte, als ob sie aus dem großen Bett fallen könnte.

"Meine Gnädige. Du bist die wahre Königin hier. Du bist die Stärkste und Tapferste.
Schlaf nun. Die Männer wirst Du nicht mehr ändern. Aber sie können uns nichts Anna.
Wir müssen nur zusammenhalten. Dann kommen wir durch."

"Zusammenhalten."

"Gute Nacht Anna, schlaf schön."

Isabell gab Anna einen Kuß, auf den Rücken, und einen zweiten auf ihren Nacken,
und bevor sie horchen konnte, ob sie noch etwas sagte, hörte sie ihren regelmässigen gleichmässigen Atem,
sie schlief. Sie schlief.

Nein, sie kann nicht hier bleiben. Sie wird hier vor die Hunde gehen. Hermine und sie können sie nicht schützen.
Am Sonntag trifft sie Maurice, sie wird mit Anna dieses Haus verlassen. Am Sonntag wird der Empfang ohne eine Bedienstete stattfinden.

Isabell drückte Ihre Hand noch näher an Anna's Bauch.

Sie muss in Sicherheit sein, falls sie schwanger wird, sie hält diese Schmach nicht aus, wenn sie ein Kind hier bekommt.
Sie muß zu einer Gönnerin. Eine Künstlerin, eine Frau mit Herz und Liebe. Nur da kann sie wieder gesund werden.
Wir werden eine Lösung finden, und wenn wir durch jede Stadt reisen müssen.

Die Arbeit hier, werden andere Damen verrichten müssen. Mit stärkerem Gemüt.

Hermine wird sie schreiben. Und wenn er sie wieder schlägt, werde ich sie auch holen.
Wir werden uns unabhängig machen. Lieber brotlos, verdienstlos, als blaue Flecken, und gebrochene Herzen.


Image

"Probably a portrait of Marie-Louise O'Murphy (21 October 1737 – 11 December 1814),
mistress to Louis XV of France"

1751
François Boucher
Bildlizenz: Public Domain


weiter mit Kap. 1.2.62
http://www.freeyourgender.de/forum/viewtopic.php?f=555&t=1262



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eine weibliche Identität kann, muss sich aber nicht durch eine Vagina bestätigt wissen
http://www.freeyourgender.de

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