1.2.39 Tränen der Abhängigkeit

1.2.39 Tränen der Abhängigkeit

Postby JasminRheinhessen » Thursday 16. February 2017, 22:17

Yvonne konnte nur schwierig laufen.

Beine, Füße waren schwer. Sie spürte aber ihre Schenkel, wußte wie erregend sie ausehen, wenn sie sie in allen Posen zeigte.

Das hielt sie am Leben.

Weiterzugehen.

Alleine.

Weitergehen.

Den Gang mit den Büchern vor der Zeitrechnung ansteuernd.

Für sie begann jetzt das Jahr 0.

"De rerum natura" von Lukrez, ja - hier steht es.

Sie konnte den Buchtitel nur schwer lesen,
die Tränen in ihren Augen ließen ihren Blick verschwimmen.

Sie legte die Ausleihquittung in das Fach am Eingang der Bibliothek,
ja - sie würde morgen zu Dr. Barton gehen.

Aber sie hat eine völlig andere Motivation jetzt.

Es war ihr egal wie er reagiert. Das war neu für sie.

Es war ihr egal.

Warum will sie trotzdem zu ihm? Rache?

Ihn leiden sehen, wenn er sie begehrt?

Was ist, wenn er sie ablehnt?

Nein, das würde er nicht. Er würde ihre Brüste lieben.

Salammbo würde ihr abraten. Ich solle nicht darauf Wert legen, was andere von meinem Körper halten.
Mich selbst schön finden. Mich lieben.

Warum brauche ich diese Bestätigung? Ist es Macht zu spüren?
Brüste zu Schwertern? Als Argumente, wenn es keine Logik mehr gibt in der irrationalen Gefühlswelt?

Brauchte sie das Begehren von Barton als Halt?

Wollte sie sich an seinem Begehren festhalten?

War es wichtig für sie, wenn er wie ein Hund ihr zu Füßen liegen würde?

Sie wollte ihn mit ihrem Körper angreifen, entwaffnen und erobern.

War es das?

Dann war sie eine Kämpferin. Eine Kriegerin.

Oder Krieger. Von Barton aus gesehen.

Warum wollte sie diesen Feldzug?

Brauchte sie einen Beweis?

Gegenüber sich selbst? Gegenüber Barton? Der attraktiven Vorzimmermitarbeiterin?

Was bedeutete ihr das alles?

Warum war das alles so wichtig?

Ja - Salammbo-Elfen, dazu gehörte Barton nicht.

Was wollte sie mit Menschen aus der anderen Welt?
Aus der Welt der Verdrängungen, der Komplexe. Der Monogamie und Heterosexualität?
Die nichts anderes als ein Konstrukt war, das zum Genitalismus gehörte. Zum Patriarchat!

Solche Menschen, ausserhalb der Salammbo-Welt, waren Verlorene.
Sie waren Verdurstende. Immer auf der Suche nach einer Quelle mit Wasser.
Wasser, dass sie zur Erkentnis bringen würde.
Die sie aber nie erlangen können. Da ihre Maske sie blind macht.
Die Verdrängung läßt kein Licht an ihre Augen.
Kein Stöhnen, was klingt wie jenes von Salammbo.

Barton. Ein Mann voller Komplexe.

Jämmerlich.

Wollte sie ihn zu einem Mann machen, der so strahlte wie der Freund von Salammbo?

Ist das möglich?

Sie hatte sich verändert, ja. Sie war nicht mehr die Yvonne, bevor sie die Bibliothek betreten hatte.

Könnte das mit Barton auch geschehen?

Welchen Impuls benötigte er dafür?

Wo ist sein Suchen im Moment? Sein Suchen nach sich selbst?

Er ist nicht in Harmonie. Niemals.

Yvonne war nun vor der Zimmertür, Zimmer 22.
Es war nun 18 Uhr. Ob sie schafen?

Yvonne hatte ihren Finger gekrümmt, den Ringfinger, um anzuklopfen.

Was sollte sie sagen? Sollte sie es erzählen?

Oder lieber schweigen? Vielleicht möchte Salammbo das gar nicht?

Nein - sie wird schweigen, vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt.

Brauchte sie die Nasen-Operation überhaupt noch?
Sollte sie den Termin nicht absagen?

Salammbo würde ihr dazu raten.
Ob Anne und Mirabell bemerken werden, dass sie sich verändert hat?

Sie hatte Anne davon erzählt, dass sie in der CIS-Frauenwelt verschwinden wolle,
und jetzt hat sie eine völlig andere Gefühlswelt in sich.
Frausein ist angeboren. Ja. Aber es ist auch angeboren, seinen Penis zu hassen?
Ist es nicht angeboren, Frau zu sein, Frau mit Penis sein zu können?

Yvonne war verwirrt. sie konnte nicht anklopfen.

Sie senkte ihre Hand wieder.

Sie wurde unsicher.

Würden die beiden sie überhaupt verstehen?

Wieder rannen ihre zwei Tränen über ihr Gesicht.

Sie sah schlimm aus, ihr Makeup war hinüber.

Dann brach sie zusammen, kauerte vor der Tür und begann zu schluchzen.

Genau in dem Moment, als sie sich ausmalte,
wie sie fühlen würde, wenn Barton sie ablehnt.



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"Leaning on the Balcony"
1892
John William Godward
Bildlizenz: Public Domain


weiter mit Kap. 1.2.40
http://www.freeyourgender.de/forum/viewtopic.php?f=555&t=1234



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eine weibliche Identität kann, muss sich aber nicht durch eine Vagina bestätigt wissen
http://www.freeyourgender.de

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