1.2.18 Frühstückstee ohne Glockenläuten

1.2.18 Frühstückstee ohne Glockenläuten

Postby JasminRheinhessen » Monday 19. December 2016, 21:16

"Frühstück!"
Es war 7 Uhr morgens, die Stationsschwester öffnete Zimmer 22 im 5. Stockwerk des Patiententraktes,
läßt den Essenswagen neben dem Tisch mitten im Patientenzimmer stehen und verlässt stumm wieder den Raum.

Mirabell und Anne hatten verhältnissmässig gut geschlafen, das beste des Zimmers war die Lage,
die Kirchturmglocken, die schon um 6 Uhr mit einem 5-minütigem Dauerläuten die Bewohner hier
im Viertel aus dem Schlaf rissen, waren hier nicht so stark zu vernehmen.

"Wir teilen das Schicksal, in dieser genitalen Cis-Welt zurechtkommen zu müssen, der Vorteil ist,
dass wir wissen, was wir zu tun haben.", setzte Mirabell den Dialog fort,
den sie bis zum Einschlafen geführt hatten, ging zum Essenswagen und nahm sich einen Tee.

"Ja, Mirabell, ich hab durch Dich gelernt, dass es Unsinn ist, Menschen darüber verstehen zu machen,
wie wir fühlen, es macht mich nur noch mehr kaputt. Man muß diese Menschen in Ruhe lassen.",
Anne drehte die Alu-Jalouise von ihrem Bett im Sitzen etwas auf, sodaß etwas mehr Licht in den Raum strömte,
ohne dass es zu sehr blendete.

"Manche Menschen verstehen es, sie verstehen mich wortlos,
wenn ich aber versuche, es denjenigen Menschen zu erklären, die es nicht verstehen können,
das kostet meine ganze Energie, es frisst mich auf, diese Ohnmacht zu spüren macht mich so hilflos.
Vor allem dann, wenn sie anfangen, mir helfen zu wollen, so zu tun, als ob sie es verstehen,
und es dann immer wieder passiert, durch ihr Verhalten, durch ihre Sprache, dass ich sehe,
sie haben nichts verstanden, ich bin nach wie vor unsichtbar."
Mirabell war noch nicht fertig mit ihrem letzten Satz, als Anne plötzlich anfängt zu schluchzen.

"Anne, denkst Du wieder an Deine Mutter? Hör auf damit, Du musst Sie lieben, Du darfst Sie nicht hassen.
Du musst Dich aber damit abfinden, dass Du für Sie immer nur Matthias bist. Nimm das aus Deiner Erwartung heraus,
dass Sie das verstehen kann. Liebe Sie trotzdem, und konzentriere Dich auf die Menschen, die Dich brauchen,
weil Du diese Menschen verstehst, ja?" Mirabell goss Anne eine Tasse Tee ein und brachte sie ihr ans Bett.

"Danke Mirabell, entschuldige, als Du gerade von Unsichtbarkeit gesprochen hast, da kam es mir wieder
so bildhaft - ich war nie vorhanden....für Sie....", beruhigte sich Anne langsam wieder.

"Heul jetzt nicht so rum, das macht Falten, oder möchtest Du mit 32 schon Krähenfüße an den Augen?",
sagte Mirabell, und drückte Anne an ihre Brust.

"Ich hab dich lieb Mirabell." flüsterte Anne, kaum hörbar in Mirabells Armen umschlossen.

"Du wirst Dich um Yvonne kümmern, ja?", delegierte Mirabell an Anne eine Aufgabe, damit Sie sich gebraucht fühlte,
ihren Kopf frei bekam, von der Sinnlosigkeit der Hoffnung, dass ihre Mutter Sie verstehen könnte,
in dem Sinne, wie Sie sich das wünschte.

"Ja Mirabell, Sie soll heute zu uns verlegt werden, wir hatten kurz im Flur gestern gesprochen,
Sie ist noch sehr durcheinander.", griff Anne ihre Aufgabe auf und zeigte wieder Lebensmut.

"Du wirst Ihr als erstes beibringen, dass Sie nicht krank ist, dass soll Sie sich aus dem Kopf schlagen.
Diese Darstellung ist nur die Sichtweise der genitalistisch denkenden Cis-Welt.
Sie ist gesund! Genau wie ich und Du - verstehst Du? Gesund!",
Mirabell nahm jetzt einen kräftigen Bissen von ihrem Käsebrot, dass Sie sich in der Zwischenzeit zurechtgemacht hatte.

"Möchtest Du auch eines?", fragte Mirabell prüfend, ob die Ermahnung von Ihr von gestern, endlich wieder normal zu essen,
bei Anne Früchte getragen hatte.

"Ja gerne, ja doch!", antwortete Anne pflichtbewußt.

"Wir werden als krank dargestellt, psychisch krank, weil Sexologen das so wolllen. Schwangere Frauen sind auch nicht krank.
Sie sind in "anderen Umständen". Wir auch, das ist alles, aber sie erzählen uns, dass wir anders sein sollten.
Das ist genauso, als ob Du einer schwangeren Frau erzählen würdest, sie solle damit aufhören, schwanger zu sein.",
Mirabell schaute dabei zu Anne, die jetzt ein Lächeln aufsetzte, sich freute, wie Mirabell versuchte,
ihre Zweifel zu zerstreuen.

"Es ist ein Politikum, wir sollen "krank" sein, verstehst Du? Damit Cis als "normal" gelten kann,
stell Dir doch mal vor, es würde als normal gelten, wenn eine Frau als Frau anerkannt werden würde,
und einen Penis hätte! Und diese Frau würde einen Mann heiraten können!
Nein - das darf es nicht geben dürfen.
Aus der patriarchalen Cis-Perspektive wird diese Frau als Mann dargestellt, der schwul ist.
Schwul in diesem Fall in negativer Konnotation gemeint, versteht sich."
Mirabell kam jetzt richtig in Fahrt.

"Wenn es eine Frau mit Penis geben dürfte in dieser genitalistischen Cis-Welt,
unabhängig ob Sie diesen gut findet oder nicht,
ob Sie eine Operation machen möchte, oder ob Sie sich mit ihrem Genital versöhnt,
dann hätte das Patriarchat keine eindeutige Unterscheidung mehr, das entscheidende Merkmal,
was einem Mann zu einem Mann macht, würde entfallen, in Frage gestellt."

"Ja Mirabell", antwortete Anne von ihrem Bett herüber.

"Damit wäre das Patriarchat seiner Definitionsgrundlage beraubt.
Im Patriarchat muss genau festgelegt werden, wer Mann sein darf, und wer nicht.
Und diese Welt, die Dich als Matthias sieht, als schwulen Mann, muss dich damit diskretitieren,
weil Du in ihrem Sinne, mit Deinem Verhalten, Ihnen ihre männliche Autorität nimmst."

"Du hast recht Mirabelle", kommentierte Anna, während sie sich an ihrer Teetasse festklammerte.

"Hast Du schon Machos gesehen, die zugeben, dass sie schwul sind?
Sie profilieren sich damit, Frauen zu unterdrücken. Diese patriarchale Cis-Welt,
die hetero zu ihrem Normbild erheben muss, damit diese Konstruktion einen Rahmen hat,
ist krank. Besteht nur aus Verdrängung und Komplexen. Du bist frei! Kannst alles genießen,
unabhängig Deines Genitals. Das ist die Gefahr für diese Welt. Du bist eine Gefahr.
Ich bin eine Gefahr. Yvonne ist eine Gefahr. Desshalb kämpft das Patriarchat gegen uns.
Pathologisiert uns...",
Mirabelle ging zum Fenster und kippte es an, um etwas frische Luft hereinzulassen,
in diesem Moment ging das Gebimmel der Kirchenglocken wieder los,
diesmal gut durch das gekippte Fenster wahrzunehmen.

"Ja Mirabell, ich verstehe jetzt alles was Du sagst, nicht nur das Patriarchat,
auch die Kirche macht uns unsichtbar.", reagierte Anne auf Mirabells Erörterung
und auf das nun laut zu vernehmende Glockengeläut in ihrem Zimmer."

Mirabell schloss das Fenster wieder, und es war wieder angenehm ruhig.
"Ja, das ist die Religionsfreiheit, von der sie immer reden. Ruhestörung würde ich das nennen.
Vor allem dann, wenn man bei diesem Gebimmel an Dinge erinnert wird,
wie z.B. an das Jahr 2015, als der Vatikan die Entscheidung des vorwiegend katholischen Irlands
mittels eines Referendums, dass sich für die gleichgeschlechtliche Ehe aussprach,
als "Niederlage für die Menschheit" bezeichnete.
Genauso zwingen Patriarchen uns ihre Meinung auf, dass eine Frau nur dann eine Frau wäre,
wenn sie mit einem weiblichen Genital geboren wird.
Das Genital im Genitalismus ist das Wesentliche, Du weißt, die Formel Penis=Mann,
die muss mit allen Mitteln verteidigt werden, sonst fällt das Patriarchat zusammen,
wie ein Kartenhaus."
MIrabelle nahm Anna`s Teetasse und goss ihr eine zweite Tasse ein.

"Ja Mirabelle, Du hast so recht, es ist wichtig, von diesen Menschen, die so denken,
nichts mehr zu erwarten, sie einfach zu lieben, über die Distanz, aber sich nicht mehr zu erklären,
das zermürbt, macht unglücklich, verzweifelt."
Anna nahm die Tasse von Mirabell entgegen und nahm einen kräftigen Schluck.

"Genau das ist der Punkt Anna.
Du musst die Welt für Dich tatsächlich in zwei Verständnisebenen einteilen.
In diejenigen, die uns niemals verstehen können und wollen,
und denjenigen, die uns verstehen, und die auch Opfer dieser patriarchal-genitalistischen Cis-Welt sind.

Einer Cis-Welt, einer Ideologie, die hetero als Norm ihres Konstrukts braucht.
Damit Männer autoritär männlich sein können, und Frauen Menschen zweiter Klasse bleiben.

Es ist genügend zu tun, Opfer dieser patriarchalen Welt zu stützen, damit sie nicht verzweifeln.
Yvonne ist noch nicht so weit wie Du Anne, Sie denkt noch, Sie kann sich damit helfen,
indem Sie sich dieser Welt maximal angleicht. Das führt aber in ihr Unglück,
da Sie von der Cis-Welt nie in ihrem Sinne akzeptiert werden wird.",
Mirabell stellte ihre leere Teetasse auf den Essenswagen und legt sich wieder ins Bett,
zog die Bettdecke bis zum Hals hoch und schaute rüber zu Anne, die ihr bejahend zunickte.

"Ja - Yvonne reibt sich an dieser Welt auf, wenn wir es schaffen, Ihr zu helfen,
das würde mich glücklich machen.", Anne stellte Ihre Tasse auf ihr Nachttischchen,
obwohl die Stationsschwester dann immer schimpft, wenn sie nicht vorschriftsmässig
auf dem Essenswagen zurückgestellt wird, und grinste Mirabelle dabei an.

"Du hast es verstanden Anne, wir müssen kämpfen, für uns, in unseren Reihen.
Eine Frau ist nicht desshalb eine Frau, weil sie nach unten zwischen ihre Beine schaut,
und ihr weibliches Genital sieht, sondern weil sie es weiß, dass sie eine Frau ist.

Und da sie mit ihrem Gehirn denkt, und nicht mit ihrem Genital, ist das Gehirn
unser geschlechtsbestimmendes Organ.

Die Definition Penis=Mann, ist eine Säule des Patriarchat, wer diese tragende Säule angreift,
greift das Patriarchat in seiner Definition an.
Wie soll sich ein Mann noch ausweisen, wenn nicht mit seinem Penis?
Fällt diese Abgrenzung ist das Patriarchat an keine Rahmenbedingungen mehr gebunden und zerfällt.
Die Abgrenzung sagt aus, wer unterdrücken darf, und wer unterdrückt wird.

Im Jahr 2011 gab es dieses Gesetz, Transsexuellengesetz hieß das,
es war damals 2011 in Deutschland endlich gelungen, dass Frauen mit Penis sich nicht mehr
von ihrem Genital trennen mussten, damit sie im Patriarchat sozial als Frau gelten.
Der Penis musste beim Türvorsteher der patriarchalen Cis-Welt abgegeben werden,
die Frau, also für die Cis-Welt, der Mann, wurde "entstempelt", entwertet,
seinem Penis beraubt, erst dann durfte "er" Frau im Patriarchat "spielen".
"Spielen", im Sinne der Cis-Welt. Aber natürlich nicht sein.
Ein biologischer Mann war er für das Patriarchat trotzdem immer noch,
aber nicht mehr ein Mann, der das Patriarchat angreift,
da ohne Penis, entmannt, für das patriarchale Peniswertesystem entwertet."



weiter mit Kapitel 1.2.19
http://www.freeyourgender.de/forum/viewtopic.php?f=555&t=1135



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