Fremde im eigenen Land

Fremde im eigenen Land

Postby JasminRheinhessen » Sunday 29. March 2015, 07:24

Lisa war schon lange hier. Sie liebt diese Menschen, auch und gerade weil sie so anders sind.
Sie tragen andere Kleidung, sprechen eine andere Sprache, essen völlig andere Dinge,
und auch die Umgebung, das Land selbst ist völlig anders.

Lisa kommt aus dem Oberallgäu, ihre Eltern trugen sogar im Alltag oft Trachten,
dass war für sie normal. Für sie war es daher auch normal, dass ihre Kindheit mit dieser Kleidung in Verbindung steht,
sie trug selbst in der Schule oft ihr Trachtenkleid, obwohl viele Mitschülerinnen das bereits für altmodisch hielten.
Aber es war ok, die Berge ringsum passten ja auch irgendwie dazu,
und abends im Fernsehen kam immer die Werbung mit dem Bergkäse und der Milch aus Bayern -
da hatte sie ihre Verbündeten, dann konnte sie sagen, hey - im Fernsehen gibts doch auch Trachten,
schaust Du kein Fernsehen ?
Kindische Argumente - aber für Kinder wichtig.

Hier in einem gut besuchten, weil etwas günstigerem Restaurant von Angeles City, der Geburtsstadt von Lea,
tragen Frauen Shorts und T-Shirt,
auch gibt es hier nicht unbedingt Semmelknödel mit Rotkraut und Schweinebraten -
mir gegenüber sitzen 3 junge Frauen, Anfang 20ig würde ich sie schätzen, sie haben sich den hier günstigen Gin bestellt, und Balut, dass sind angebrütete Enteneier, beliebte Snacks auf den Philippinen. Die gabs heute für 15 Pesos, ein absolutes Schnäppchen.
Gebratener Hund, Aso, kannte ich ja schon, auch Abalin, gebratene gesalzene Käfer, bzw. deren Larven, konnte ich schon auf den Tellern hier bewundern. Dass Frösche und Heuschrecken hier auch gerne verzehrt werden hatte ich zuHause in einer Doku im Fernsehen gelernt.
Die Mädels zeigen mir stolz ihre Snacks und klären mich auf,
dass der Schnabel und die Federn zu sehen sein muß, sonst ist das Ei nicht richtig angebrütet, ohne Embryo-Einlage nicht lustig demonstrieren sie durch ihre Mimik, dabei lachen sie und genießen sichtlich meine zurückhaltende Reaktion, vielleicht ist es der Gin, den sie dazubestellt haben,
den es hier überall sehr günstig gibt, und meist das günstigste Getränk ist, der ihnen das Lachen nicht mehr aus dem Gesicht entfleuchen läßt,
sicher bin ich mir aber nicht.
Gin trinken sie hier ja ständig, und lachen sehe ich sie aber nur ab und zu.
Besonders jetzt, während sie ihre Snacks genießen.

Ich hatte mir Halo-Halo bestellt, das sind Dosenfrüchte mit zerstoßenem Eis und Zucker, dazu süße Kondensmilch,
da kann man nicht viel falsch machen, da es hier Cola gibt, das gabs nicht mal im Queens, hab ich Cola dazu bestellt,
dass sieht dann schon fast exotisch aus, vielleicht so wie ich selbst.

Als die Mädels mir ihren Snack unter diese Nase hielten und lachten, hatte ich vergessen, dass sie mich gar nicht gefragt haben,
die Frage die ich gestern ständig hörte in der Queens Hotelbar, meist von Engländern und Holländern:
"You`re a european Ladyboy ?" - Nein die Teenies hatten auch nicht diese Frage in den Augen und schon gar nicht auf den Lippen, es war ihnen völlig unwichtig oder egal, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall hatten sie keinen Grund mir etwas vorzumachen, völlig abwegig, dass sie sich Gedanken machen könnten, ihr Verhalten sinngemäß einzustellen, um damit irgendeine Erwartung, die sie annehmen, die ich haben würde, erfüllen zu wollen. Joviale Höflichkeit - lächerlich.
Fillipinas, die mir ihre Embryo-Enten unter die Nase halten, sollten darauf achten wollen, wie ich denke ?
Wirklich nicht.

Es war erfrischend mit ihnen am Tisch - und ja - ich fühlte mich, dass ich dazugehöre, ich meine jetzt wirklich,
nicht nur dass ich aus einem Dorf aus dem Oberallgäu stammte und sie aus Angeles City, und auch dass ich
unter meinem Rock etwas hatte, was Ziel der Frage der Menschen gestern in der Queens-Hotelbar war.
Es interessierte sie nicht und ich war mitten unter ihnen, ein Teil von ihnen - es war wunderschön sich nicht erklären zu müssen.

Sie konnten alle Drei sehr gut englisch, sie erzählten mir von ihrer USA-Reise, sie haben Verwandte in Los Angeles.
Auch von dem Erlebnis, als sie in einem Fast-Food Restaurant an der Küste körperlich angegangen wurden.
Die Tante von Jhene, das ist die Jüngste der Drei Mädels am Tisch, mit wunderschönen dunklen Augen, die strahlen wenn sie lacht, ging mit ihrem Freund kurz zum Auto um Geld zu holen, das Auto parkte 5 Minuten entfernt vom Restaurant,
sie waren noch die Hermosa Beach entlangspaziert, und hatten das Auto dort stehenlassen.

Kurz nachdem Barbara mit ihrem Freund weg war, kamen 5 weiße Jungs, 2 Teenager und 3 etwas ältere und setzten
sich direkt an den Tisch gegenüber, der noch frei war, aber das halbe Restaurant hatte noch freie Tische,
die Hispanics waren weiter entfernt und achteten nicht auf uns, erzählte Jhene.
Barbara ist aus Manchester und hat wie ihr Freund weiße Hautfarbe, sie wußte, dass es nicht einfach war mit den Rassenproblemen in L.A.,
sie war aber heute sehr entspannt und es befanden sich noch eine Gruppe Hispanics aus dem Osten der Stadt im Restaurant,
was sie sicher machte uns alleine lassen zu können.
Ihr Freund ist im Tourismusgeschäft und gehört zu denjenigen Amerikanern, die sich die Miete in der Nähe von Hermosa Beach leisten können, sie gehören zu den Reichen.

Die Spannungen zwischen arm und reich gehen in den alltäglichen Rassenproblemen unter. Michael kommt aus Florida und geht diesen Problemen weitgehend aus dem Weg. Hier an der Küste lebt er im "White District":
Auch in seinem Job hat er ausnahmslos mit Weißen, Reichen Unternehmern zu tun, die nicht wissen, was sie mit ihrem überschüssigen Geld anstellen sollen.
Jhene erzählt sehr entspannt, die Jungens waren angetrunken und einer sagte irgendwas von "Asian Bitch", alle schauten auf unsere Reaktion.
Shaina und Amber, dass waren die beiden älteren Mädels, die Freundinnen von Jhene kannten solche Situationen nicht.
Die Jungens erwarteten, dass wir nun aufstehen und gehen würden, um ihre Dominanz bestätigt zu wissen.
Wir als Fremde kannten diese Spielchen nicht, dass wir sitzen blieben und eher lächelten schien sie dann provoziert zu haben.
Jhene streichelte den Rand ihres Gin-Plastikbechers mit den Fingern, dann setzte sie an und musste etwas Anlauf nehmen so hatte ich das Gefühl - sie blickte kurz zu ihren Freundinnen, die für ein paar Sekunden das Lächeln einstellten, und eine neutrale Mimik einnahmen.
"Der ältere Junge stand auf beugte sich über mich und griff mir die Brüste ab, die anderen beiden standen hinter ihm, sodaß die Gruppe der Hipsanics das nicht genau sehen konnte. Sie lachten laut, dann gaben sie mir noch eine Ohrfeige und riefen "Fuckin Asian Bitch" und verließen das Restaurant". Jhene hat ein schönes C-Cup-Dekolleté. Amber fügte an, dass Jhene damals geweint hätte, dabei strich sie Jhene über ihr schwarzes seidenes Haar, die bereits ihre neutrale Mimik, ausgelöst durch die Erinnerung wieder in ein bezauberndes Lächeln zurückverwandelte.
Amber spürte, dass die Erinnerung noch da war, und das Lächeln noch etwas aufgesetzt aussah.
Sie nahm den Kopf von Jhene in beide Hände und küsste ihre Augen, jedes zwei mal - dann fing sie an sie zu kitzeln - unter ihren Achseln und am Bauch, Jhene musste lachen und griff wieder zu ihrem Embryo-Snack, den sie nun ganz aufaß, das Lächeln war wieder so wie vor ihrer Erzählung.

Mir wurde bewußt, dass diese Drei Mädels ständiger Diskriminierung ausgesetzt sind, egal wo sie waren,
ob bei ihrer Tante in L.A. oder auch hier in Angeles City, wenn sie an der Hotelanlage vorbeigingen,
sie gehörten zu den Slums von Angeles City. Heute war für sie kein natürlicher Tag mit mir.
Ich musste mich konzentrieren, dass ich das nicht durch ihre natürliche und lebensfrohe Art nicht übersehe.
Die angebratenen Enteneiner, waren für sie ein Festessen. Heute hätte es Reis gegeben, mit etwas Hühnerbrühe.
Gerade schießt mir mein Gedanke durch den Kopf, als ich vor wenigen Minuten dachte,
was sie denken könnten, ob ich ein Ladyboy sei - ich kam mir unglaublich lächerlich vor. So unwichtig.
Mein Ticket nach München, den Flug hatte ich von Geld bezahlt, dass ich leicht verdienen konnte,
in einem endlos reichen Land, Bayern, innerhalb Deutschlands das reichste Bundesland.
Shaina's Mutter arbeitet ab und zu als Lehrerin. Normalerweise würde sie 8000 Pesos bekommen,
aber als Aushilfe zahlen sie ihr weniger, diesen Monat bekam sie 5400 Pesos.
Shaina wiederholte die Zahl, als ob es dadurch mehr werden würde: 5400 Pesos.
Wenn sie five in englisch versucht zu sprechen, klingt das sehr lasziv und ihre Lippen sehen dabei erotisch aus,
sie wölbt dabei ihre vollen Lippen absichtlich noch etwas runder - Prostitution ist für sie ein Thema, mit dem sie aufgewachsen ist, wie alle hier die weiblich aussehen, und wissen, wie ein Schminktäschchen ausgestattet sein muß.
Wer meint als Heilige leben zu wollen, muss hungern. Shaina entschied sich schon lange für Nichthungern.
5400 Pesos, ich versuche zu rechnen während ich auf Jhene`s Shirt schaue, sie trägt keinen BH.
Das sind 108 Euro rechne ich aus. Im Queens kostet ein günstiges Zimmer 3000 Pesos.
3000 PHP. 3000 Phillipinische Pesos. Ca. 60 Euro.

Dafür müsste also Shaina`s Mutter fast 2 Wochen in der Schule Kinder unterrichten. Sie gibt Englisch-Stunden.
Sie kann wie Shaina, Amber und Jhene sehr gut englisch. Sie hat es sich selbst beigebracht und dann später noch ein Zertifikat gemacht.
Nach Los Angeles möchte sie gerne, die Tante von Jhene besuchen, das Geld ist aber dafür nicht vorhanden.
Der Gedanke allein daran wirkt bizarr, wenn ich mir die Wellblechhütten in den Slums vorstelle,
in denen die Drei nach unserem Gespräch wieder zurückkehren werden.
Sie werden dabei an der Hotelanlage vorbeigehen, vielleicht steigen sie in das eine oder andere Auto ein.
Amber erzählte, dass manchmal auch Frauen anhalten. Sie lacht und sagte, dass es auch vorkommt, dass sie einfach ein paar Dosen Cola für ihren Körper bekommt. Sie lacht so laut dabei als sie es erzählt, dass man glauben könnte, sie wäre völlig verrückt. Mir wird bewußt, dass sie über dieses Paradoxum lacht, und dass sie normal ist.
Ehefrauen, die ihren Körper für eine gute Party mit einem Mann mit Status verkauft haben, den Fabrikbesitzer geheiratet haben, der schon lange durch Überarbeitung impotent geworden, sie in Urlaub fahren lässt, nur um sie für eine Weile loszuhaben.Diese Ehenutten kaufen sich für ein paar Dosen Cola eine junge Fillipina, weil sie in ihrer Heimatstadt ihre Bisexualität nicht ausleben können, dass würde ihren Ruf als "angesehene Frau" ruinieren.
Die angesehene Frau, die Sonntags mit "Geschäftsfreunden" auf Golf- und Tennisplätzen die nächsten Geschäfte für ihren impotenten Mann einzufädeln hat.

Wir verlassen die Sitzecke des Restaurants und laufen noch ein Stück die Straße hinunter,
ich spüre, dass sie Fremde sind, Fremde in ihrem eigenen Land, in dem sie nicht leben können,
weil sie keine Chance haben. Sie sind angewiesen auf "Fremdenführer", die sie mitnehmen, oder sie vom Ausland unterstützen.
Bekannte in Deutschland oder irgendwo in Europa - Touristen, die sie kaufen, als Mädresse bezahlen,
während ihres Urlaubes hier, und wenn möglich danach weiterhin.
Amber hat zur Zeit Kontakt zu einem dieser Männer, Männer, die die "wahre Liebe" suchen,
enttäuschte Männer von deutschen Frauen Enttäuschte, da diese "Frauen" ja nur auf "Geld" aus sind,
nicht liebevoll und dankbar wären, sagen viele.
Wir sitzen auf einer Holzbank, Amber kramt einen Bleistift hervor und schreibt sich ein paar Zeilen auf,
damit sie sie nicht vergißt - sie möchte ihm heute noch eine Email schreiben, oder morgen, sie wird es ihrer Freundin sagen,
sie wohnt näher am Internet-Cafe.
Er hat gesagt, dass er nächstes Jahr wiederkommt - vielleicht heiratet sie ihn ja auch -
Amber lächelt jetzt nicht, während sie das sagt. Sie ist ernst - sie sagt: Lieber in Deutschland als hier.
Das klingt seltsam. Sie scheint ihr Land zu lieben.
Warum soll sie es nicht lieben, es ist ihre Heimat, ihre Identität - das Meer, der Strand, die Städte, die Sprache.
Die Luftfeuchtigkeit, und alles, was dieses Leben ausmacht, gehören zu ihrem Leben.
Sie ist fremd, ihr Land ist nicht ihr Freund. Umarmt sie nicht.
Sie kritzelt etwas auf ein Din-A4 Blatt, dass sie aus einer Mülltonne gefischt hatte.
Jhene und Shaina umarmen sich, sitzen zusammen.
Ich habe oft darüber nachgedacht, dass ich im Land der Frauen auch immer eine Fremde bin.
Wie die Afroamerikaner und Hispanics an der Küste von L.A.
Mein Problem wirkt so belanglos wenn ich die Drei sehe.
Ich denke einfach immer, an die Drei, wenn ich mich im "Frauenland", als Fremde fühle,
ich hab ein warmes Bett, etwas zu essen und keine finanziellen Sorgen.
Warum sollte ich unglücklich sein ?

Am Abend saß ich nochmal in der Queens-Hotelbar.
Die Barchefin wollte mich nochmal sehen,
sie sagte, wenn ich nicht nochmal vorbeischaue, gibts Schläge.
Es ist eine Holländerin, sie hatte keine Zeit um ausgiebig zu testen,
ob ich sie zum Orgasmus lecken könnte, sie erzählte ständig davon,
ich sah sie während meines Aufenthaltes nur Arbeiten. Immerzu.
Sie gab mir das Gefühl, dass die Menschen in Deutschland eigentlich das gleiche tun,
sie arbeiten pausenlos und unentwegt - auch in ihrer Freizeit bauen sie irgendwas auf,
es muss alles einen Sinn haben, und sie vorwärtsbringen.
Höher, schneller, weiter, wie lächerlich das doch ist.

Ein Engländer setzte sich neben mich und war sehr direkt: "one hundred ?"
Ich sagte "My price is the same as the cheapest room of this funny hotel".
Sein Schwanz war nur 12 cm, er kam nach 5 Stößen.
Als ich einschlief, fühlte ich mich im Frauenland, gar nicht fremd.
Vielleicht hält es diesesmal länger an.




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