das junge Mädchen...

das junge Mädchen...

Postby JasminRheinhessen » Friday 5. December 2014, 11:09

...ich kenne sie jetzt schon seit 6 Jahren,
sie kommt immer wenn ich gerade gar nicht an sie denke,
heute erst wieder - platzt einfach in mein Leben.
Ich war gerade mitten beim Aufräumen, ok - das Wetter war schön.
Aufräumen kann man auch später mal wieder - ich hörte ihre mir so vertraute Stimme,
"Komm - lass uns spielen ! Wo bist DU ? " rief sie schon von weitem.
Ich schaute hoch:

Da stand sie schon wieder - sie hatte keine Schuhe an, war barfuß - naja - es war ja auch Sommer - in der linken Hand hielt sie eine Schaufel vom Sandkasten,
in der rechten ihre Puppe. "Was machst Du da ? komm ich war gerade auf der Schaukel - kommst Du mit ?" sie schaute mich mit ihren großen Kulleraugen an - irgendwie sah sie aus wie ein Lausbub. "Du ich hab hier noch soviel.." sie unterbrach mich sofort: "NEEEEIIIIINNNN - komm Jasmin - wir gehen raus "" .
Da zog sie mich schon und ich hatte keine Chance mehr - sie hatte ganz schön Kraft, dafür dass sie so klein war, aber der Elan - sie war nicht aufzuhalten.
"Komm- ich zeig Dir wie ich schaukeln kann - es geht ganz einfach, Du kannst das auch dann - wir schaukeln dann zusammen" - "Aber Du weißt, doch, ich kann nicht so hoch schaukeln, da wird mir schwindelig." "Ach komm - komm mit !"

Sie ging mit Freude auf ihren kleinen barfüßigen Füßen Richtung Spielplatz
und ich bewunderte sie -
ich war noch so zurückhaltend, obwohl ich schon viel älter war wie sie -
fast schon verklemmt -
sie war irgendwie so ohne Angst, nur voller Freude.
Und sie schaukelte so hoch, dass sich die Schaukel fast überschlug.

"Schau Jasmin - ist es nicht schön ?"

Ich versuchte meine Angst zu überwinden und klatschte ihr Beifall
- aber sie merkte, dass ich mich nicht überwinden konnte.

Wir erzählten den ganzen Tag und machten lauter verrückte Sachen.

Es war wieder ein wunderschöner Sommertag mit ihr.

Wenn sie mich nicht aus dem Alltag gerissen hätte - hätte ich wirklich was versäumt.

Sie sagte, dass sie immer mit mir spielen will, und dass sie mich total lieb hat.

Wir schauten uns an und wir küssten uns in Gedanken.

Abends besuchte sie mich wieder - sie übernachtet öfter auch bei mir.
Auch heute wieder, und als sie neben mir lag, sagte sie flüsternd:
"Du Jasmin - Du ich lass Dich nie mehr allein".
Ja ich weiß, dass Du das nie machen würdest.
Schlaf jetzt mein Liebes."

Dann schlief ich ein - aber neben mir lag nicht das junge Mädchen,
sondern noch mein Kleid, dass ich heute anhatte,
und dass ich noch in den Händen hielt beim Einschlafen
-und ich sprach zu mir selbst - denn das junge Mädchen, ist meine weibliche Seele -
sie ist noch jung und sie spielt noch, aber sie wird jeden Tag erwachsener und reifer
- und führt mich dahin, wo ich hinmöchte.

In einen sonnigen Sommertag auf einen Spielplatz wo es nur Spaß und Freude gibt.

Ja - die Kleine passt auf mich auf -
und sie steht mit beiden Beinen schon fest im Leben,
obwohl sie noch keine Schuhe anhatt.

Jasmin.


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"Ionian Dancing Girl"
John William Godward
1902



verwendet für Kap. 1.2.53




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das junge Mädchen...Metapher für die Identität

Postby JasminRheinhessen » Monday 16. March 2015, 20:26

Als ich diese Story das erste Mal in der Öffentlichkeit in ein Blogpost setzte,
https://www.fischundfleisch.at/blogs/jetzt-ich/das-junge-maedchen.html
wurde sie mißverstanden,
zugegeben, es war ein Forum, dass keine Identitäten als Thema hat.

Das Mädchen wurde als "inneres" Kind interpretiert.

Ich schrieb dazu eine Erklärung,
die vielleicht auch Dir nützt, wenn Du noch nicht so tief in dem Thema drin bist:



Die erste Ebene der Geschichte könnte tatsächlich auf das innere Kind deuten,
aber tatsächlich ist das innere Kind nicht gemeint,
die Auflösung bringt der Satz
"und ich sprach zu mir selbst - denn das junge Mädchen, ist meine weibliche Seele - "

Die Geschichte arbeitet die Geschlechtsidentität auf.
Wird diese im Erwachsenenalter realisiert,
hat man ein Kind in sich, das ja noch lernen muß.
es wird auch eine Zweite Pubertät erlebt.
Eine Frau mit 25 Jahren ist 25 Jahre alt,
die weibliche Seele einer Frau,
die 25 Jahre sozial als Mann gelebt hat,
muss sich erst zurechtfinden und alles lernen,
was für eine Frau mit 25 Jahren selbstverständlich ist.

In meiner Metapher habe ich diese Zeitspanne mit 6 Jahren angegeben.
Der Anfang der Geschichte markiert die Realisierung der Identität.
Das muss man selbst herausbekommen, es sagt einem ja keiner.
Ist man sich nun 6 Jahre bewußt, dass man eine Frau ist,
ist diese Frau nur 6 Jahre alt,
dass ist der Kern der Geschichte.

In der Geschichte wird die soziale (männlliche) Rolle von Jasmin dargestellt,
die älter ist,
die von ihrer realisierten Identität (das Mädchen),
in ihr Leben gerufen wird, dass ihr wirklich Spass macht und wo sie auch hingehört.
Dort wo sie wirklich ihr Zuhause hat.
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